Im „industriellen Rollendruck“ wird der Markt neu sortiert


Hochauflagige Zeitschriften und dicke Versandhandels-Kataloge waren und sind eine Domäne des Tiefdrucks. Doch die schrumpfenden Umfänge und Auflagen bringen bei Kalkulationen immer mehr den Offset ins Spiel, das Thema Druckqualität mal außen vor gelassen.

Das heißt, Deutschland ist der zentrale Schauplatz des Verdrängungswettbewerbs, zu  dessen Faktoren unter anderem zählen:

  • Strukturveränderungen des Marktes, der nicht nur durch die Konkurrenz anderer Medien stagniert oder schrumpft, sondern der auch kleinteiliger wird; das heißt, es entstehen mehr Produkte mit geringeren Umfängen und kleineren Auflagen.
  • Neuorientierung von Marktteilnehmern: Wenn ein Schwergewicht wie Mohn Media neu in den Beilagendruck einsteigt, hat das Einfluss auf die Marktanteile.
  • Staatliche Einflüsse durch Fördergelder auf  EU-, Bundes- und Landesebene, die für die Schaffung und den Erhalt von Arbeitsplätzen in strukturschwachen Gebieten vergeben werden, auf diese Weise aber auch insolvente Firmen weiter im Markt halten.
  • Beständiger technischer Fortschritt: Während die „Schallmauer“ des Publishing-Tiefdrucks –  4,32 m – vermutlich so schnell nicht wieder angekratzt wird, erwächst im Heatset den 80-Seiten-Maschinen (2,25 m) Konkurrenz durch die 96-Seiten-Klasse: von der 2,86 m breiten Goss Sunday 5000 sind bereits mehrere Maschinen in Europa verkauft worden. Manroland-Chef Gerd Finkbeiner kommentierte von Druckern gelegentlich geäußerte Vorwürfe zum technischen Wettrüsten so: „Wir werden die Entwicklung nicht aufhalten. Das regelt der Markt. Wenn wir es nicht machen, macht es ein anderer – wie wir jetzt ja sehen.“
  • Kapazitätsveränderungen durch Stilllegung unrentabler und zumeist veralteter Anlagen; in der Vergangenheit geschah dies allerdings meist im Zuge von Ersatzinvestitionen in moderne Maschinen mit höherer Kapazität;  auch der Bauer-Konzern hat erst Tiefdruckkapazitäten in Polen aufgebaut, bevor er nun voraussichtlich im Sommer 2010 sein Kölner Werk schließt; wenige Druckereien haben wirklich ihre Druckkapazität verringert.

Ersatzinvestitionen. Die Anbieter von Offsetmaschinen sehen in den bereits stattfindenden Veränderungen des Marktes wachsende Chancen für die eigene Technologie. Das Magazin-Segment, wo der Tiefdruck laut ERA mengenmäßig die Nase vorn hat, ist von der aktuellen Krise besonders betroffen. Die Zeitungsbeilagen – ein reiner Offsetmarkt – hält sich eher stabil. Darüber hinaus hofft man offensichtlich bei Manroland, dass die älteren Tiefdruck-Maschinen im Falle von Ersatzinvestitionen eher durch Offsetmaschinen ersetzt werden.

Im Tiefdruck ist es ruhig geworden: Cerutti hat Anfang 2009 je eine Maschine an Burda in Offenburg und an Printforum, die Tiefdruckerei der Appl-Gruppe, ausgeliefert. Appl ist mit seiner Übernahme des Sinsheimer Betriebes Teil einer kleinen Gruppe von Druckdienstleistern geworden, die über beide Technologien verfügen. Es sind wohl die einzigen Firmen, die ganz neutral über die beiden Verfahren urteilen können.

Erschienen in DD 10/2010

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