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Horizonterweiterung: Schrift im realen und virtuellen Raum

Der eigene Körper als Schreibfläche: Die Aus­tralierin Gemma O’Brien machte erst mit einem Videoprojekt, dann auf der Typo Furore.

Typo Berlin 2009. Das Thema „Space“ eröffnete den rund 1200 Konferenzteilnehmern neue Erkenntnisräume. Unter den über 60 Referenten avancierten Chip Kidd, Mario Lombardo, Joshua Davis, Philippe Apeloig und die junge Australierin Gemma O’Brien zu Publikumslieblingen. Eine Standortbestimmung versuchte das Panel zur Zukunft des deutschen Kommunikationsdesigns.

Zeit zu reisen – in den Weltraum, in die Vergangenheit, in virtuelle Lebenswelten. Die 14. Auflage der Typo Berlin bot Möglichkeiten zur Horizonterweiterung und Vertiefung gleichermaßen. Zudem gab sie mit einem dreistündigen Veranstaltungsblock einer Dis­kussion mit berufsethischer, kultureller und gesellschaftspolitischer Dimension Raum: Es ging dabei um die Zukunft des Kommunikationsdesigns in Deutschland. Dass es Gesprächsbedarf gibt, zeigte der übervolle Saal, in dem im Pecha-Kucha-Stil acht Statements präsentiert wurden und die Podiumsdiskussion stattfand.

Poesie. Wie immer spannten die Vorträge einen weiten Bogen. Historische, technisch orientierte und poetische Beiträge standen nebeneinander. Beginnen wir mit der Poesie. Bereits im Foyer der „Schwangeren Auster" (Haus der Kulturen der Welt) zog eine von der Decke herabhängende Installation die Blicke an: „World Word Chorus" heißt sie. Ein Satz, fünf Zeichensysteme, 19 Sprachen – Buchstaben im Raum, alle mit der Hand ausgeschnitten und aufgefädelt von Ebon Heath. Der in Brooklyn lebende Künstler und Grafiker stand am dritten Typo-Tag auf der Bühne und schlug im großen Saal alle in seinen Bann.

Aufgewachsen in zwei Welten (Großstadt-Chaos/ländliches Idyll), geprägt von der Vielfalt der Kulturen, studierte er Grafikdesign an der Rhode Island School of Design. Nach Jahren mit seinem eigenen Büro stellte er eines Tages fest, dass zwar seine Kunden zufrieden waren, er selbst aber nicht – Zeit für einen Wandel. Ebon Heath erkannte, dass er als Designer nicht nur für andere gestalten, sondern selbst Aufgaben kreieren kann. In den neunziger Jahren rückte der Buchstabe als eigenständiges Objekt in sein Blickfeld. Mit „stereo.type“ begann er, die Schriftzeichen von ihren papiernen Fesseln zu befreien. Er schickte sie in den Raum, ließ sie tanzen und ein Eigenleben führen. Wie können sich Buchstabenzeilen vom menschlichen Körper ausgehend in den Raum hineinbewegen? Dazu fand er Spirale, Streifen, Linie und Kegel als mögliche Darstellungsformen und baute Modelle, echte wie virtuelle. Am liebsten aber schneidet er Buchstaben aus, fügt sie zum typografischen Ballett zusammen und freut sich über seine „sexy types“. Er findet, Designer sollten ihre eigenen zehn Finger für mehr als nur zum Mausdrücken benutzen ...

Selbst-„Beschreibung“. Das Gestalten mit den Händen ist auch für Mrs. Eaves alias Gemma O’Brien essentiell. Sie zeichnet dabei nicht nur auf Papier, bäckt Kekse aus der Gill-Sans, arbeitet mit Sand und allen möglichen anderen Materialien; sie »beschreibt« auch ihren eigenen Körper. Dieses innerhalb ihres Studiums entstandene Projekt hat sie im Sommer 2008 unter dem Titel „Write here right now“ filmisch dokumentiert. Das bei Youtube eingestellte Video verzeichnete innerhalb kürzester Zeit über 185000 Aufrufe (mittlerweile über 255000) und führte letztlich dazu, dass sie zur Typo eingeladen wurde, als die mit einundzwanzig Jahren bislang jüngste Referentin und zudem diejenige mit der weitesten Anreise. Sie lebt in Australien.

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