Horizonterweiterung: Schrift im realen und virtuellen Raum


Computer-Kunst: Joshua Davis ist Skateboarder, Flash-Freak, Programmierer, Grafiker und temperamentvoller Vortragskünstler.

Im Druckmuseum von Michael Isaachsen in Melbourne begegnete Gemma O’Brien Setzern und Druckern, die mit Leib und Seele an ihrem Handwerk hängen. Hier arbeitete sie erstmals selbst mit Drucktypen und Holzbuchstaben – ein prägendes Erlebnis. „My interest of letters and typography became obsessive“, gibt sie zu. Auf der Typo stellte sie einige ihrer Arbeiten vor und zeigte einen eigens für den Vortrag gedrehten Film, der einen Einblick in die vielseitige, lebendige Typoszene Australiens bietet. 25 hierzulande meist noch unbekannte Gestalterinnen und Gestalter interviewte sie; darunter finden sich der Kommunikationsdesigner Andrew Ashton, der Schriftspezialist Stephen Banham (Label Letterbox) und der Grafiker, Illustrator und Fotokünstler Mimmo Cozzolino (Büro All Australian Graffiti), der sich gerade als Eingewanderter mit der Frage auseinandersetzte, ob es überhaupt typisch australisches Design gibt und wie dies aussehen mag. Vince Frost, Michael Lugmayr, David Pidgeon und Michaela Webb sind weitere etablierte Kreative, und Elizabeth Carey Smith scheint ähnlich wie die Referentin regelrecht vom Schrift-Virus infiziert zu sein. Mit ihrem lebhaften Auftritt belegte Gemma O’Brien, dass für Australien nicht nur Kängurus, Coalas und Ayers Rock zu Buche stehen, sondern auch eine Grafikszene, die zu entdecken sich lohnt.

Kreativtechnik. Zu den temperamentvollsten und unterhaltsamsten Rednern gehörte Joshua Davis. Im Grunde ist er Maler, seine Werkzeuge sind der Rechner und Programme wie Flash und Illustrator. Beeinflusst unter anderem von Jackson Pollock und der Chaostheorie, entwickelte er eine mathematisch-generative Kreativtechnik, die bestimmte Parameter festlegt, innerhalb derer der Zufall wirken darf. Bemerkenswert ist auch, was mit den künstlerischen Ergebnissen dann geschieht. Davis setzt gerne Prozesse in Gang, inszeniert Begegnungen. Beispielsweise animierte er mit übergroßen Plakaten voller computergenerierter Linienmuster und bereitgelegter farbiger Kreide die Menschen zum Ausmalen. Auch die Typo-Besucher waren eingeladen, zum Buntstift zu greifen; viele nahmen das Angebot wahr.

Kulturelle Sphären. Bernard Stein, Mitgründer des legendären Designbüros Ott + Stein, lehrt als Professor Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel und iniziierte das „Archiv für Historische Abbildungspraxis“, Berlin. Mit Schultafel und Kreide ausgestattet, erklärte er seine Idee der kulturellen Sphären, zu denen auch die Entwicklung von Schrift und Typografie gehört. Die Errungenschaften früherer Zeiten wirken bis heute nach. Dies bewusst zu bewahren, hat Stein sich zur Aufgabe gemacht und dafür das Kunstwort „stiyle“ erfunden, als Grundlage einer neuen visuellen Didaktik. Eine Schlagzeile, ein Text und ein Bild sind das Arbeitsmaterial. Wie hätte ein entsprechender Flyer bei den Azteken ausgesehen, wie in der Gotik, im Barock, im Jugendstil, zu Bauhaus-Zeiten oder in der Hippie-Ära? Unter Berücksichtigung von Stil, Technik und Werkzeug (zum Beispiel Satz-, Repro- und Drucktechnik) wird das vorgegebene Motiv samt Textbausteinen immer wieder neu modifiziert. Ein spannendes Projekt, Interessierte können unter stein@afhap.de Kontakt aufnehmen.

Shapes for Sounds. Historische Entwicklungen hat auch Timothy Donaldson im Blick. Er ist ebenfalls einer dieser Schrift-Besessenen, denen es nicht genügt, mit Feder und Pinsel zu schreiben, nein, es darf auch schon mal ein Schrubber sein, mit dem dann meterhohe Buchstaben entstehen. Der Engländer, von dem sich einige Arbeiten im Klingspor Museum, Offenbach, befinden, kennt zudem die deutsche Kalligrafen-Szene sehr gut, darunter Karlgeorg Hoefer, Hermann Zapf und Werner Schneider.

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