Horizonterweiterung: Schrift im realen und virtuellen Raum


Wie werden Laute geformt und Schriftzeichen? Timothy Donaldson ist auf Spurensuche gegangen und hat dazu ein Buch gemacht, das er auf der Typo auch signierte.

Zuletzt beschäftigte sich Donaldson mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des lateinischen Alphabets. Ausgangspunkt seiner Forschung sind die einzelnen Laute. Mit „Shapes for Sounds“ schrieb und gestaltete er ein Buch, das die Geschichte der Schrift in einer neuen Dimension beleuchtet. Die Entwicklung jedes einzelnen Zeichens wird grafisch dargestellt und mit wenigen Worten erläutert. Am Anfang steht immer der Laut, so wie er mit Lunge, Rachen und Mund geformt wird, den vorläufigen Endpunkt des grafischen Zeichens markiert die Druckschrift der Renaissance. Mit einbezogen sind für die Gegenwart auch Kommunikationssysteme wie Gebärdensprache, Flaggenalphabet, Braille und Maschinenlesbares. Ein faszinierendes Kompendium, das bislang aber nur auf Englisch vorliegt.

Authentizität. Gesellschafts- und Kulturkritik lieferte pointiert und bildgewaltig, aber vielleicht ein wenig zu pessimistisch, Markus Hanzer. Wie sehr Maler und Designer unsere Bildwelten und Vorstellungen prägen, zeigte er am Beispiel Paradies und Hölle, dies in Beziehung setzend zu den Begriffspaaren real/virtuell und gut/böse. Wie einfallsreich die Menschen darin sind, sich und anderen das Leben zur Hölle zu machen, zeigte er ebenfalls. Die Medien liefern Bilder zu Krieg und Katastrophen frei Haus. Das Paradies gibt es dann für Konsumwillige von der Werbeindustrie dazu. „Wir als Designer können uns nicht immer der Verantwortung einer Entscheidung entziehen“, konstatierte Hanzer und fügte an, oft sei die Aufgabe des Designers, Glaubwürdigkeit oder wie es so schön heißt: Authentizität zu produzieren. Gemeint sei damit, »wir sollen unglaubwürdige Aussagen so verpacken, dass niemand auf die Idee verfällt, sich betrogen zu fühlen.«

Würde das Leben paradiesischer sein, wenn Designer sich solchen Aufgaben konsequent verweigerten und stattdessen nur noch sozial und ethisch korrekte Projekte formten? Der bereits erwähnte Gestalter Ebon Heath versucht dies zumindest: 2004 gründete er das Unternehmen „©ell Out. Strategy & Design to Save the World“ ...

Volles Programm. Von über sechzig Referenten nur einen Bruchteil erlebt und gerademal sechs hier erwähnt – eine gerechte Auslese bleibt schwierig. Ohnehin baut sich jeder Typo-Teilnehmer sein eigenes Programm, wählt das Eine, verpasst etwas Anderes. An zwei Orten gleichzeitig zu sein, ermöglichte auch das Motto „Space“ nicht. (www.typoberlin.de).

Kommunikationsdesign als wichtiger Wirtschaftsfaktor

Diskussions-Panel. Innerhalb der Designwirtschaft ist der Bereich Kommunikations­design/Werbegestaltung der größte und zugleich derjenige mit dem stärksten Wachstum. Hier waren 2008 in rund 23300 Unternehmen insgesamt etwa 90.000 Erwerbstätige beschäftigt, das Umsatzvolumen betrug geschätzte 13,8 Mrd. Euro. So lautet das Ergebnis einer vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie zur Situation der Kultur- und Kreativwirtschaft in Auftrag gegebenen aktuellen Studie (Stand Februar 2009). Die Branche schafft und sichert also Jobs und ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, wenngleich sie sehr heterogen aufgestellt ist. Grund zur Freude also. Aber es brodelt.

Crowdsourcing, unfaire Wettbewerbsausschreibungen, unbezahlte Pitches, Honorardumping – viele Kreative sind wegen solcher Entwicklungen verunsichert, ja verärgert. Kann eine Designkammer helfen oder ein Manifest? Wie können die bereits existierenden Designverbände aktiv werden? Feststeht: Kommunikationsdesign schafft Werte. Was aber ist die Arbeit professioneller Gestalter wert, wenn – wie bereits geschehen – Unternehmen und Kommunen anfangen, sich ihr Corporate Design kostenfrei und mittels Abstimmung im Internet zu besorgen?

Die Typo-Konferenz bot die Gelegenheit zur Diskussion. Zunächst aber gaben acht Vertreter der Branche Statements ab, und zwar mittels Pecha Kucha, einer in Japan entstandenen schnellen Präsentationsform, bei der zum mündlichen Vortrag 20 Folien à 20 Sekunden gezeigt werden. Die Gesamtdauer jedes Vortrags beträgt damit sechs Minuten 40 Sekunden, was dem Publikum das Zuhören und Wachbleiben erleichtert. Hier eine Zusammenfassung der Forderungen:

HD Schellnack (Berlin) beklagte zum einen die Designerschwemme, zum anderen dass „wir nicht wissen, was wir wert sind“. Designer seien doch Visionäre und Abenteurer, nicht nur Bildchen-Hinundherschieber. Zudem schaffe die Branche Arbeitsplätze unter anderem auch in Druckereien, bei Computer- und Maschinenherstellern et cetera.

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