Lesen in Zeiten des Internets


Generative Gestaltung: Der Gestalter legt die Regeln fest, das Computerprogramm generiert daraus Bilder. Von Cedric Kiefer stammt das Bildmotivv für die Titelseite von Project M, einem von Projekttriangle konzipierten Magazin der Allianz Global Investors.

Beim klassischen Weg findet eine Idee über die manuelle Umsetzung mittels Stift oder Tastatur beziehungsweise Maus zum visuellen Output. Anders bei der generativen Gestaltung: Hier wird die Idee analysiert, abstrahiert und in eine Regel übersetzt (Algorithmus), dann mittels einer Programmiersprache wie Processing in einen Quellcode transferiert, der ein Bild erstellt, gleichsam aus dem Nichts, „ohne dass die Hand je einen Strich gezeichnet hat“. An den Stellschrauben Algorithmus und Quellcode dreht der kontrollierende und bewertende Gestalter so lange, bis für ihn das Resultat stimmt.

Von den Anwendungsbeispielen seien nur zwei aus dem Bereich Grafikdesign erwähnt. Für das Literaturfestival „Poetry on the Road“ entwickelten Boris Müller und Florian Pfeffer schon 2002 ein Corporate Design mit computergenerierten Motiven, erst mit Hilfe der Scriptsprache Python, seit 2006 mit Processing, was die Verwendung zur Print-Produktion wie fürs Web ermöglicht. Aus den Texten der Poeten werden hier Bilder. Von Cedric Kiefer stammen die Bildmotive für die Titelseiten von Project M, einem von Projekttriangle konzipierten Magazin der Allianz Global Investors. Die immer aus anderen Grundmustern und Farben wachsenden Organismen geben bei aller Unterschiedlichkeit dem Magazin etwas wieder erkennbar Charakteristisches. Neben Datenvisualisierung und Kunst wird der Bereich Corporate Design wichtig. Julia Laub im Gespräch mit DD: „Der Trend geht eindeutig hin zum dynamischen, wandelbaren Corporate Design, denn die Anforderungen sind durch die Medienvielfalt heute ganz andere als früher.“

Zu alledem haben die beiden Referenten gemeinsam mit Benedict Groß und Claudius Lazzeroni sogar schon ein Buch geschrieben. »Generative Gestaltung. Entwerfen. Programmieren. Visualisieren« ist ein Lehrwerk von Designern für Designer; im Mai wurde es mit einem silbernen ADC-Nagel ausgezeichnet.

Standard-Screendesign. Einiges aus der generativen Gestaltung führt vom Virtuellen ins Haptisch-Materielle, wird Skulptur oder Printprodukt. Das, was der Schweizer Oliver Reichenstein in seinem international renommierten kleinen Unternehmen „Information Architects“ mit Sitz in Zürich und Tokyo entwickelt, ist ausschließlich für den Bildschirm gedacht, ob groß (Computer) oder klein (zum Beispiel iPhone, iPad). Ausgehend von der Gewissheit, dass Schreiben und Lesen grundverschiedene Tätigkeiten sind, arbeitet er an entsprechend standardisiertem Screendesign, das nicht etwa Buchhaftes imitiert, sondern die eigenen Gesetzmäßigkeiten nutzt. Reduzierung und Vereinfachung im Schreibprozess, Lesekomfort für die Lektüre – dies sind die Ziele. Bedeutet: Im Schreibmodus verlangsamt die Inconsolata von Raph Levien als monospaced-Schrift den Arbeitsprozess, dazu gibt es Flattersatz, jeweils drei Zeilen stehen im Fokus, während der Text davor abgedunkelt erscheint, um Ablenkung zu vermeiden. Für den Lesemodus ist derzeit die Minion favorisiert sowie Blocksatz inklusive Silbentrennung, um Löcher im Satz zu vermeiden. Als Strukturierung schlägt Oliver Reichenstein Lesezeit- statt Seitenzählung vor und Kapitel statt Buchseiten. Sein Ansatz ist bedenkenswert, im Detail aber auch kritisierbar. Warum etwa erfolgt im Lesemodus die Rückkehr zum Buch-typischen Blocksatz, wo doch der Flattersatz viel natürlicher Löcher vermeiden hilft? Wichtig erscheint vielmehr, dass die Bildschirmschriften nicht zu eng laufen und dass die Zeilen großzügig durchschossen sind. Wie wir demnächst neue Literatur auf dem iPad lesen, ist noch nicht entschieden. Die Arbeit ist noch im Fluss. Das erkennbare Streben nach Klarheit ist jedenfalls lobenswert.

Webfonts. Neue kreative Freiheit im Internet ermöglichen Webfonts. Fontshop sieht sich hier als Vorreiter und schickte seinen Spezialisten Ivo Gabrowitsch zur Präsentation auf die Bühne. Bislang waren die Möglichkeiten, den Internetauftritt mit einer eigenen Hausschrift zu gestalten, begrenzt. Seit März hat nun eine Entwicklung, die Mitte der neunziger Jahre begann, ihr vorläufiges Ende gefunden. Webfonts im Web Open Font Format (WOFF) oder im Embedded-OpenType-Format (EOT) bringen gestalterische Freiheit ins Netz. Diese Formate werden unterstützt von Firefox und dem Internet Explorer; für andere Browser wie Safari, Google Chrome und Opera werden die FF-Webfonts derzeit mit Hilfe von Typekit bereitgestellt. Neben hohem technischen Aufwand (Hinting zur Bildschirmoptimierung) beschrieb Gabrowitsch die Lizenzierungsprobleme.

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