Mit Schere, Stift und Fixogum


Handarbeit – in allen Workshops ging es darum, Entwürfe erst einmal ohne Computer zu entwickeln. Es wurde gebastelt, geklebt, geschrieben und gezeichnet – so auch in Veronika Burians Kurs zur Schriftgestaltung. Hohe Konzentration war nötig, wollte man ein wohl proportioniertes "S" auf's Papier bringen.

athieu Lommen stellte detailreich und amüsant die einzigartige Sammlung zu Schriftentwurf und Typografie in der Amsterdamer Universitätsbibliothek vor und zeichnete so ein anschauliches Bild der niederländischen Schriftgestalter-Szene seit 1912. Er begann mit dem Meister-Kalligrafen Arrighi und dessen geschriebenem Buch zu Aristoteles’ Ethica von 1517, das zum Bibliotheksbestand gehört, und endete mit der Startypografin Irma Boom. Im Mittelpunkt standen Beispiele aus der Typografischen Bibliothek der Tetterode Sammlung (eingerichtet 1913), Arbeiten von Jan Willem Enschedé, von S. H. de Roos (Amsterdamer Schriftgießerei), von Jan van Krimpen, Sem Hartz und Bram de Does (Enschedé), schließlich von Gerrit Noordzij, dem 2008 verstorbenen, Generationen prägenden Schriftlehrer. Zusammen mit seinen berühmten Strichmännchen fragte Alessio Leonardi zum Abschluss: „Echt!?“ Es ging da unter anderem um das Fälschen von Parmaschinken, Geldscheinen und Buchstaben ...

Begeisterndes Miteinander. Das Veranstaltungskonzept kommt an und lockt nicht nur Teilnehmer aus NRW. „Toll, dass hier Azubis und gestandene Designer zusammenarbeiten“, „gute Mischung von Input und praktischer Umsetzung“ lauteten einige Kommentare am Ende, und nicht nur einmal hieß es: „Schöne Veranstaltung, ich komme wieder, bis nächstes Jahr.“

Handarbeit – in allen Workshops ging es darum, Entwürfe erst einmal ohne Computer zu entwickeln.

Freiraum für Kreativität ohne Produktionsdruck 

Die Tage der Typografie haben Tradition. 2010 fanden sie bereits zum zwölften Mal statt. Seit 2005 betreuen Tanja Huckenbeck und Peter Reichard vom Offenbacher Gestaltungsbüro „Typosition. Botschaft für Typografie und Gestaltung“ die dreitägige Veranstaltung, zunächst in Ko­operation mit dem Institut Medien, Bildung und Kunst (IMK) der Gewerkschaft Verdi; seit 2009 ist die Akademie Druck+Medien NRW neuer Partner. DD sprach mit der Akademie-Leiterin Simone Marhenke und mit Tanja Huckenbeck von Typosition.

Tanja Huckenbeck

DD: Frau Huckenbeck, warum wechselte 2009 der Kooperationspartner?
Huckenbeck: Unser damaliger Partner Verdi hatte sich nach zehn Jahren entschlossen, die Tage der Typografie nicht mehr auszurichten. Uns liegt die Veranstaltung aber sehr am Herzen und wir freuen uns, in der Akademie Druck+Medien NRW einen neuen Kooperationspartner gefunden zu haben, mit dem wir gut zusammenarbeiten und die Tage der Typografie in neuem Rahmen ausrichten können.

DD: Frau Marhenke, wie kam der Kontakt zu­stande?
Marhenke: Wir hatten uns vorgenommen, der Gestaltung in der Akademie mehr Gewicht einzuräumen. So war es ein angenehmer und passender Zufall, dass Typosition nach neuen Partnern gesucht hat. Die Branche ist überschaubar und so kam man über den fachlich vernetzten Austausch zu dem Ergebnis: Konstellation, Ziele und Auffassung/Philosophie passen – wir machen das zusammen.

DD: Wie sieht denn die Gewichtung zwischen technisch und gestalterisch orientierten Themen innerhalb des Akademieprogramms aus?
Marhenke: Die Gestaltung nimmt jetzt wieder mehr Raum ein, wir liegen heute bei jeweils circa 50 Prozent. Technik braucht Gestaltung und umgekehrt. Nicht umsonst fand die Eröffnungsfeier der Tage der Typografie im Printhouse zwischen den Maschinen statt. Alleine für sich ist beides nicht funktionsfähig.

Simone Marhenke

DD: Was zeichnet die Tage der Typografie gegenüber ähnlich ausgerichteten Veranstaltungen aus?
Huckenbeck: Die Tage der Typografie als öffentliche Veranstaltung bieten bundesweit eine einzigartige Kombination aus Vorträgen und praktischem Arbeiten in Themenworkshops. Drei Tage lang setzt man sich an einem Ort intensiv mit einem Thema auseinander, lernt neue Dinge kennen, kann frei von Produktionsdruck etwas ausprobieren und trifft andere Typografie-Interessierte.
Marhenke: Der offene Rahmen, der viel Freiraum für
Kreativität lässt, bietet innerhalb des produktionsorientierten Alltags eine tolle Abwechslung. Typografie ist für manche sicher auch eine Erweiterung des Themenfeldes, auf das sie sonst fokussiert sind.

DD: An wen genau richtet sich die Veranstaltung?
Huckenbeck: Die Tage der Typografie sind offen für alle, die sich in den Bereichen Typografie und Gestaltung weiterbilden möchten – ganz gleich, ob Auszubildender im ersten Lehrjahr, Studentin, Kunstlehrerin, Journalist oder Profi mit 30 Jahren Berufs­erfahrung. Dabei setzen wir auf größtenteils analoges Arbeiten ohne Computer, damit sich alle Interessierten einbringen können, unabhängig von ihren Computer-Kenntnissen. Im Vordergrund stehen die Idee und das kreative Arbeiten sowie das Knüpfen von Kontakten zu anderen Menschen aus der Branche.
Marhenke: Jeder, der fundiertes Wissen erwerben möchte, ist herzlich willkommen. Die Akademie zeichnet sich ja insgesamt durch praxisorientierte Seminare und Workshop-Konzepte aus. Dass jetzt wieder so viele junge Menschen dabei waren, zeigt, dass Typografie nicht nur etwas für „ältere Freaks“ ist, sondern von denjenigen Mediengestaltern und Designern wieder entdeckt wird, die gutes „Handwerkszeug“ mit soliden Grundlagen kombinieren wollen und dies in ihrer Arbeit mit Kompetenz und Kreativität zu guten Produkten zusammenführen möchten.

DD: Wie groß ist speziell das Interesse der Mitgliedsbetriebe im Verband?
Marhenke: Das Interesse ist groß. Trotz der im Augenblick sicherlich schwierigen Zeit für Druckereien und Agenturen sind insbesondere unsere Mitglieder sehr engagiert, wenn es um Aus- und Weiterbildung geht.

DD: Ihr Resümee für die 12.Tage der Typografie?
Huckenbeck: Rund 130 Besucher am Eröffnungsfreitag und 60 Teilnehmer in vier Workshops – die Veranstaltung war vielseitig und interessant. Es ist immer wieder faszinierend, zu sehen, welche schönen Ergebnisse auch ohne Computer in so kurzer Zeit entstehen.
Marhenke: Das gemeinsame Konzept von Typosition und der Akademie Druck+Medien NRW ist richtig. Wir freuen uns schon auf die 13. Tage der Typografie im nächsten Jahr.

Erschienen in DD 2/2011.

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