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Typo Berlin 2011: „Typostreckenfüllung“ und grafisches Ideen-Feuerwerk

Die Typo-Redner begeistern und regen zum Nachdenken an – Fontshops „Fontfummler“ lud zum Schriftentwurf mittels Schablone ein.

»Shift« war das Motto der dreitägigen Fontshop-Designkonferenz, die bereits zum 16. Mal stattfand. Wohin entwickelt sich die digitale Kommunikation? Mehr als sechzig Referenten aus Europa und Übersee haben sich in Berlin mit den technischen und gestalterischen Aspekten des Wandels auseinander gesetzt.

Nein, iPad und Co. waren nicht die stillen Stars der Konferenz, obwohl sich einige Referenten durchaus mit den Chancen und Risiken beschäftigten, die mobile Endgeräte mit sich bringen. Die meisten der 1400 Konferenzteilnehmer suchten Begeisterung weckende Projekte und die Begegnung mit den Ikonen der Szene, mit Spezialisten wie Grenzgängern. Christoph Niemann, Michael Johnson, Martin und Thomas Poschauko, Petr van Blokland und Jost Hochuli waren laut Publikumsbefragung die beliebtesten Redner der Typo Berlin 2011 – sechs unterschiedliche Persönlichkeiten, die durch Vortragsstil, Haltung und die Qualität ihrer Arbeit besonders überzeugten. Fünf von insgesamt mehr als sechzig Auftritten, die für Information, Inspiration und Austausch sorgten.

Print zu Digital

Christoph Keese

Christoph Keese, Wirtschaftswissenschaftler, langjähriger Journalist und seit 2008  Konzerngeschäftsführer Public Affairs der Axel Springer AG, eröffnete die Konferenz und fragte: „Tablets als Medium: Welche redaktionellen Konzepte haben Erfolg und wie kann man mit ihnen Geld verdienen?“ Seine Antwort basierte auf der Entwicklung bei Axel Springer; verzeichnete der Konzern 2010 immerhin einen Rekord-gewinn. Dafür sorgten – bei einer Verteilung Print zu Digital von 76 zu 24 Prozent (2004 noch 98:2) – die digitalen und internationalen Aktivitäten.

Keese ist vom iPad begeistert. Der Journalismus müsse sich hier neu erfinden. Er darf sich nicht mehr am Lesemedium orientieren, sondern richtet sich nun nach der Lesesituation. Keese geht davon aus, dass es im Jahr 2015 in Deutschland rund 20 Mio. Tablet-PCs verschiedener Anbieter geben wird. Gratis- und Bezahlinhalte würden gleichermaßen angeboten; PDFs erfuhren eine Renaissance. Zudem werden Shop und Hardware voneinander getrennt. Alle Aktivitäten dienen dem Ziel, über das One-Click-Payment Mikrobeträge zu sammeln; ein Paywall-Geschäftsmodell, wie bei der New York Times, sei sinnvoll.

Keese kam zu einer ungewöhnlichen Schlussfolgerung: Womöglich verhalten sich die Nutzer anders als gedacht. Das iPad ist entgegen mancher Prognosen ein Lean-Back-Medium. Die Verweildauer beträgt wie bei Tageszeitungen 15 bis 20 Minuten. Wichtigster Erfolgsfaktor bleibt der Inhalt. So sieht er im iPad, wie der Vorstandsvorsitzende Dr. Mathias Döpfner, die Rettung der Zeitungs- und Verlagsbranche.

Machtverlust

Hingegen meint Heiko Scherer von der Medienagentur Kircher Burkhardt, das iPad beschleunige eher deren Untergang. In seinem Vortrag ging es ums Geschichten-Erzählen (Storytelling) auf dem Tablet und wie ein Unternehmen damit dauerhaft erfolgreich sein kann. Scherer beschrieb drei Möglichkeiten der Umsetzung:

  • Print Publishing goes iPad: Die PDF- oder ePub-basierten, der Print-Logik folgenden und schnell realisierbaren Lösungen befriedigen, so Scherer, eher den Verlag als den Leser.
  • Print goes Multimedia, iPad Publishing: Die Indesign-basierten Lösungen (enriched print) bieten Multimedia im Rahmen der Print-Lo-gik. Attraktiv sind hier Bewegtbild, Bilderstrecken und die direkte Verlinkung ins Netz. Die kreative Freiheit ist groß, bedeutet aber auch einen hohen konzeptionellen und gestalterischen Aufwand sowie zu große Datenmengen.
  • Custom Development, die Königsdisziplin: Die Kombination von Native Codes und Web-Logik löst sich vom Print-Gedanken, erfordert aber einen hohen Entwicklungsaufwand. Komplex gebaute Geschichten bieten dem Nutzer dann einen emotionalen, spielerischen Zugang zu den Inhalten.

Im Mittelpunkt der Entwicklung steht zurzeit das iPad. Als „Connected Mobile Device“ ist es Rechner und Lesegerät in einem. Social Media erweist sich hier als Storytelling-Motor, der Ideen und Geschichten in ungeahnter Schnelligkeit verbreitet. Für Scherer steht fest, dass die großen Medienhäuser ihre Oberhoheit verlieren. Geld verdienen lasse sich heute vor allem im Bereich Special Interest. Die ständige Pflege der Apps ist hier Pflicht.

Medienrevolution

Auch zwei Vorträge zu historischen Themen fanden große Beachtung. Doug Wilson, der an der Missouri State University Grafikdesign und Kunstgeschichte studierte, hegt eine Leidenschaft für die Linotype Setz- und Gießmaschine und setzte der vor 125 Jahren erstmals in Betrieb gegangenen „Blower“ ein filmisches Denkmal.

Kreativitätsmaschinen? Thomas und Martin Poschauko vereinen Charme und Phantasie.

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