Ausgezeichnet schmökern


Gaston Isoz.

Interview: „Schönste“ Bücher – auch ohne hohe Zusatzkosten

Gaston Isoz, geboren 1969 in St. Gallen, lebt und arbeitet als Buchgestalter, Grafiker und Fotograf in Berlin. Seine Ausbildung zum Grafiker sowie zum Typografischen Gestalter absolvierte er in St. Gallen. Seit 2001 ist er auch als Dozent tätig, im Fachbereich Kommunika­tionsdesign an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Viele seiner Publikationen erhielten nationale und internationale Auszeichnungen. Im aktuellen Wettbewerb der Stiftung Buchkunst war er Gastjuror. Deutscher Drucker befragte ihn zu seinen Eindrücken.

Deutscher Drucker: Welche Kriterien muss ein „schönstes Buch" aus Ihrer Sicht erfüllen?

Gaston Isoz: Wenn die Struktur nicht durchdacht ist, wenn konzeptuell Beliebigkeit den Ton angibt, dann entsteht kein „schönes Buch“. Sind Verlag und Autor aber offen gegenüber Thema und Struktur, finden sich in Zusammenarbeit mit einem versierten Buchgestalter oder einer Buchgestalterin auch schlüssige und spannende Konzepte. Aber erst ein zweites Kriterium macht den entscheidenden Unterschied. Hier kommen nun alle gestalterischen Aspekte zum Tragen: Format, Makro- und Mikrotypografie, Bildkonzepte, Wahl der Einbandart und des Papiers beziehungsweise der Materialien überhaupt. Wenn nun auch noch die Druckqualität hervorragend ist (mit eingeschlossen Repro und Bildbearbeitung) und die Buchbinderei ebenfalls einen guten Tag hatte, dann sind die Kriterien erfüllt, um ganz vorne bei den „schönsten Büchern“ mitzumischen.

Deutscher Drucker: Wie beurteilen Sie die zum aktuellen Wettbewerb eingereichten Bücher?

Isoz: Grundsätzlich stelle ich fest, dass immer mehr gute Bücher am Wettbewerb teilnehmen! In den Buchhandlungen sieht es leider weniger „schön“ aus, was die breite Masse der Bücher betrifft... In gewisser Weise zeigt sich das auch im Wettbewerb. Die Gruppe 1 mit der allgemeinen Literatur war eher schwach besetzt. Hier wäre gestalterisch und konzeptuell viel möglich, ohne dass dadurch gleich unglaubliche Mehrkosten entstehen würden. Andererseits war das Niveau bei den Kinderbüchern erfreulich gut. Man spürt, da geht was...

Typografisch kommen die Bücher im aktuellen Wettbewerb eher wieder etwas „einfacher“, aufgeräumter daher. Der Trend geht hin zu mehr Sachlichkeit. Allerdings lässt die Detailtypografie oft zu wünschen übrig, obwohl es technisch gesehen noch nie so einfach war, das Schrift- und Textbild zu optimieren. Da wird in qualitativer Hinsicht viel verschenkt. Ähnlich ist es bei der Druckqualität; hier gibt es ebenfalls immer noch große Unterschiede, und das liegt nicht an vermeintlich veralteter Technik. Eine gut gewartete Speedmaster, die zwar schon 25 Jahre auf dem Buckel hat, aber mit einem sehr erfahrenen und motivierten Drucker „verheiratet“ ist, kann durchaus mithalten und „sehr erfreuliche Resultate zeigen“ – auch die allerneueste Druckmaschine druckt nicht von alleine, wobei rückblickend die Umstellung auf CtP doch einen qualitativen Sprung mit sich gebracht hat.

Die Qualität der Bindearbeiten ist sehr durchwachsen, vor allem das Aufschlagverhalten ist oft mangelhaft. Auch gibt es zu viele Buchdecken, die sich wölben, und zu große Falzdifferenzen. Solange immer alles „schnellstmöglich“ fertig werden soll, sind hier keine großen Veränderungen zu erwarten, da Qualität beim Buchbinder unter anderem eben auch Zeit braucht.

Deutscher Drucker: Entdecken Sie Unterschiede zwischen deutschen und Schweizer Büchern – in Gestaltung und Produktion?

Isoz: Eigentlich nicht. Bestimmte zeitgeistige Gestaltungsauffassungen finden sich in beiden Ländern wieder. Bedeutender ist sicher die sehr viel kleinere Verlagslandschaft in der Schweiz. Auch gibt es in der Schweiz keinen buchgestalterisch so bedeutenden »Cluster« wie Leipzig, der ja auch deutschlandweit einmalig ist.

Die Druckqualität ist vielleicht in der Schweiz im Schnitt etwas besser, was möglicherweise an den im Verhältnis gesehen besseren Arbeitsplatzbedingungen und höheren Löhnen liegt. Zudem wird das „Handwerk“ an sich in der Schweiz noch stärker gewürdigt.

Erschienen in DD 6/2010

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