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Das Tiefdruckgebiet schrumpft

Wie sich der Rollenoffset-Markt entwickelt
 

Blick in das Zylinderlager bei Prinovis in Ahrensburg.

Der High-Volume-Akzidenzdruck gehört zu den wirtschaftlichen und technologischen Erfolgsstories der deutschen Druckindustrie. Der Strukturwandel der Medien hat allerdings dafür gesorgt, dass sich bei der Herstellung von Katalogen und Zeitschriften die Gewichte der Verfahren Tiefdruck bzw. Offset seit Jahren kontinuierlich verschieben.

Breiter, schneller, effizienter: So bald die Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer, Manroland, Cerutti oder Goss eine neue Maschinen-Baureihe auflegten, fand sich meist ein deutsches Druckunternehmen, dass die wirtschaftlichen Vorteile sofort erkannte und entsprechend investierte. Nicht selten waren diese Pilotkunden schon in die Entwicklungsphase eingebunden. Dies galt über Jahrzehnte für den Publikationstiefdruck und hat sich im Heatset-Rollenoffset fortgesetzt.

Das beständig hohe technische Niveau der deutschen Druckunternehmen hat auch dazu beigetragen, Drucken laufend günstiger zu machen. „Wir haben den richtigen Weg genommen,“ sagte Dr. Bertram Stausberg vor kurzem im Gespräch mit Deutscher Drucker. „Wenn Drucken nicht so günstig wäre, würde es im Zeitalter der Digitalisierung längst einen viel geringeren Stellenwert haben.“ Stausberg ist als CEO sowohl für das Druckunternehmen Prinovis verantwortlich als auch für den Bertelsmann-Unternehmensbereich Be Printers, der neben Prinovis Buch- und Verpackungsdruckbetriebe in den USA umfasst. Das ehemals reine Tiefdruckunternehmen Prinovis gestaltet den Technologiewandel im High-Volume-Druck gerade mit: Seit dem vergangenen Winter sind am Standort Dresden auch Offsetmaschinen in Betrieb.

Kulminationspunkt

2004 hatte der Publikationstiefdruck seinen technologischen Kulminationspunkt erreicht: Bei Maul-Belser in Nürnberg ging erstmals eine 4,32 Meter breite Tiefdruckanlage vom Typ KBA TR 12B in Betrieb. Die Fachwelt jubelte über Qualität und Produktivität gleichermaßen. Doch gerade einmal drei Jahre später verabschiedete sich der dafür verantwortliche Maschinenhersteller Koenig & Bauer ganz aus dem Tiefdruck und überließ das Feld seinem italienischen Wettbewerber. OMG Cerutti konnte 2008 nochmals je eine Maschine an Burda sowie an Print Forum (Appl-Gruppe) verkaufen. Seither wurde keine weitere Tiefdruckmaschine mehr für deutsche Akzidenzdruck-Standorte bestellt. Dafür lief 2011 erstmals eine 2,86 Meter breite Rollenoffsetmaschine Goss Sunday 5000 in einem deutschen Druckbetrieb, bei Stark Druck in Pforzheim, an. Und es blieb nicht bei der einen. Heute sind sieben Maschinen dieser Leistungsklasse allein hierzulande in Betrieb – zwei Goss Sunday bei Stark, zwei Manroland Lithoman S bei Mohn Media sowie je eine Manroland-Anlage bei Weiss-Druck, Roto Bagel (TSB-Gruppe) und Niedermayr. Dass Roto Bagel inzwischen eine weitere Maschine bestellt und die TSB-Gruppe die Stilllegung des Tiefdruckstandortes Bruckmann in Unterschleißheim bekanntgegeben hat, zeigt, dass der Technologiewandel in vollem Gange ist.

Der Wegfall der „Big Books“

Die Krise der Universal-Versender – und in deren Folge der Wegfall der über 1.500 Seiten starken halbjährlichen Hauptkataloge von Quelle (2009 letzter Katalog) und Neckermann (2012) – hat die Tiefdruckereien massiv getroffen. Fast zeitgleich erschütterte die Insolvenz der Schlottgruppe im Jahr 2011 die deutsche Publikationstiefdruck-Landschaft. Seither teilen sich die Anbieter Prinovis, Burda/TSB und Appl/Rose den deutschen Markt. Bauer betreibt Tiefdruck nur noch in Polen und von den kleineren Anbietern konnte sich allein die Kölner Firma Scheiwe halten. Die allgemeine Auflagenentwicklung und stärkere Zielgruppenorientierung der Versender und Verlage arbeitet gegen den Tiefdruck mit seinen hohen auflageunabhängigen Fixkosten.

Wenn man weiß, dass allein Prinovis über rund ein Drittel aller Tiefdruckkapazitäten in Europa verfügt, kann man die Aufgabe erahnen, der sich Dr. Bertram Stausberg gegenüber sah, als er 2012 die Position des CEO bei Be Printers antrat. Stausberg hat den Unternehmensbereich in den vergangenen drei Jahren weiter redimensioniert und auf Effizienz getrimmt. Die italienischen und spanischen Druckereien wurden erst jüngst verkauft, in den deutschen Prinovis-Betrieben hat man in teils zähen Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretungen neue Kostenstrukturen geschaffen. Am emotional schwierigsten für alle Beteiligten war wohl die Stilllegung des Werkes in Itzehoe, einstmals „Gruner Druck“, wo auch der heutige Prinovis-CEO seine Karriere innerhalb des Bertelsmann-Konzern begonnen hatte. Die verbliebenen vier Werke sind nach eigener Angabe nun „voll ausgelastet“. Und doch nahm das Unternehmen jetzt eigene Offsetmaschinen in Betrieb.

„Drucken gilt als nicht sexy“

Be Printers mit seinen aktuell noch 3.500 Mitarbeitern in Europa und USA wird ­– wie auch das nun ein Jahrzehnt alte Unternehmen Prinovis – aus einer Büroetage in Hamburg-Bahrenfeld gesteuert. Der Unternehmensbereich steht nicht unbedingt in der ersten Reihe, wenn der Gütersloher Medienkonzern seine wichtigsten Entwicklungsfelder präsentiert. „Drucken gilt als nicht sexy“, räumt Dr. Stausberg ein, als im Gespräch mit Deutscher Drucker das schwierige Unterfangen angesprochen wird, bei Agenturen das Druckmedium besser in Szene zu setzen. Dabei sei die hohe Wirksamkeit von Printwerbung im Marketingmix vielfach nachgewiesen.

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