"Die Dinge werden erst real, wenn sie auf Papier publiziert sind"


Schirrmacher über die Gefahr aus dem Netz: „Wann immer Sie sich im Netz bewegen, werden Sie jede Sekunde beobachtet, gescreent, analysiert.

Bücher auf Rezept? Einen Grund für diese Veränderung, die das Lesen auf dem digitalen Medium am menschlichen Gehirn nach sich zieht, sieht Schirrmacher in Folgendem: Es gibt in unserem Gehirn so genannte Verzögerungsneuronen. Diese sorgen dafür, dass wir Informationen, die auf uns einstürmen, filtern können und versetzen uns in die Lage, Prioritäten zu setzen. Sie verhindern, um es plakativ zu sagen, dass wir durchdrehen. Ohne sie, so Schirrmacher, lebten wir in der totalen Gleichzeitigkeit.
Im Internet allerdings würden diese Verzögerungsneuronen geradezu lahmgelegt, ja verbrannt. Dies sei der Grund, weshalb wir beispielsweise von einem Artikel, den wir online lesen, und dazu vielleicht noch zwanzig, dreißig Kommentare, am Schluss so gut wie nichts behalten können. Nach dem Ergebnis des Reading-Reports des US-amerikanischen Bildungsministeriums gibt es bereits eine ernst zu nehmende Zahl derer, die gar nicht mehr in der Lage ist, einen zusammenhängenden Text zu verstehen. Und damit sei nicht etwa Proust gemeint, sondern die Aufschrift von Etiketten oder Ähnlichem. Beim Lesen auf Papier hingegen gebe es all diese Effekte nicht.
Die Schlussfolgerung, die Schirrmacher und offenbar auch die moderne Gesellschaftsforschung daraus ziehen, lautet wie folgt: Genau wie man um die Jahrhundertwende dazu überging, die Menschen für ihr neues Arbeits- und Lebensumfeld zu trainieren, muss es auch heute ein Training geben – für das Gehirn: „Das Lesen auf Papier wird in einer digitalisierten Gesellschaft nicht nur ein Kommunikationsprozess sein, sondern ein therapeutischer Prozess“, so Schirrmachers Prognose. Lesen auf Papier hat demnach nachweislich einen Trainingseffekt auf die Verzögerungsneuronen. Es werde geradezu Pflichtstunden für das Lesen auf Papier geben. Denn: „Dinge werden erst real, wenn sie auf Papier publiziert sind.“

Privatsache Print. Und das ist nicht der einzige positive Effekt der gedruckten Information, den Schirrmacher herausstreicht. Noch voll von den Eindrücken seiner USA-Reise und Gesprächen unter anderem mit Google-Chef Eric Schmidt, bemerkt er: „Wann immer Sie sich im Netz bewegen, als Leser, werden Sie jede Sekunde beobachtet, gescreent, analysiert. Sie merken es daran, dass Sie plötzlich von irgendwoher Werbung bekommen, ohne zu wissen, wo sie herkommt, Sie merken es daran, dass Sie immer weiter verwiesen werden auf etwas anderes, Sie merken es daran, dass Sie sich immer transparenter machen müssen, um Ergebnisse im Netz zu bekommen.“ Gerade Letzteres sei das große Geschäftsmodell von Google.

Dieser Prozess verstärke sich zusehends. Sämtliche Informationen, die wir im Netz – und damit sei nicht nur das Internet, sondern auch das Handy gemeint – wissentlich und unwissentlich weitergeben, würden vernetzt, gespeichert und zu einem detaillierten Profil zusammengefügt. Die Menschen, so Schirrmacher, erleben dies schon sehr bald als Realität. Sie erleben es, wenn sie beim Personalchef sind und natürlich ihre Facebook-Accounts auf den Tisch kommen. Und sie erleben, dass es mittlerweile Computer sind, die Menschen analysieren – ob das nun beim Arzt ist oder wo auch immer.“ So zitiert Schirrmacher Eric Schmidt: „Unsere Idee ist, aus aller Kommunikation der Welt Texte zu machen, um daraus Muster zu bilden, mit denen wir menschliches Verhalten vorhersehbar machen. Wir werden Ihnen, wenn Sie heute Abend in ein Konzert gehen, vorhersagen können, ob das gut wird oder schlecht – alles nur aufgrund digitaler Kommunikation in Echtzeit.“
Ein weiteres Beispiel sei die Personalpolitik bei IBM: Dort seien die Mitarbeiter bereits taxonomisch so analysiert, dass das Unternehmen von jedem einzelnen Beschäftigten Muster vorliegen hat, die Rückschlüsse auf sein Verhalten zulassen: „Mitarbeiter X ist vergleichbar mit Mitarbeiter YZ – und so wird er in 20 Jahren sein.“ Das Netz werde hier längst nicht mehr als ein Mittel zur Kommunikation empfunden. Es sei viel mehr etwas, das den Menschen in seiner Lebenswirklichkeit prägen, analysieren, motivieren soll.

Vor diesem Hintergrund – „und da sehe ich auch eine Aufgabe von Print“ – sei Papier die einzige Kommunikationsinsel, die es in der künftigen Gesellschaft geben wird, die nicht überwacht wird. „Dies wird sich, je stärker diese Systeme werden, als ein ganz wichtiger Überlebensfaktor von Print entwickeln.“
Doch das ist beileibe nicht der einzige: In einer zunehmend digitalen Welt ist Print laut Schirrmacher etwas, das den Dingen einen Wert verleiht und für etwas steht, was es zu bewahren gilt. Eine Gegenbewegung zur fortschreitenden Digitalisierung mit all ihren Facetten sei bereits evident. Der Wunsch, offline zu sein, einen privaten – nicht einsehbaren Bereich zu haben, werde immer stärker. In den USA gehe diese Gegenbewegung sogar von den – als besonders digital affin eingeschätzten – Kindern und Jugendlichen aus, die sich mittlerweile dagegen wehren, dass das neue „Geschwisterchen“ mit dem Namen iPhone oder Blackberry die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich zieht.
Schirrmachers Schlussprognose nach all den beängstigenden Szenarien ist dennoch ermutigend: „Ich bin davon überzeugt, dass es nach einer Phase der totalen Übertreibung eine Koexistenz von Print und Online geben wird.“ Sein Appell an das Publikum: „Lassen Sie sich nicht einreden, die wären die Revolutionäre und Sie die Vergangenheit. Alles spricht dafür, dass die Zukunft woanders liegt.“

Zur Person 

Frank Schirrmacher ist ein deutscher Journalist, Literaturwissenschaftler und Essayist, Buchautor und seit 1994 Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die bekanntesten Werke sind das 2004 erschienene Buch „Das Methusalem-Komplott“ sowie das 2009 erschienene Buch „Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“. In Letzterem setzt sich Schirrmacher – wie in seinem Vortrag – mit dem Einfluss moderner Informationsmedien auf den Menschen auseinander.

Erschienen in DD 42/2010

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