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Bahnrisse vermeiden: Wie sich ein sicherer Bahnlauf erzielen lässt

Ein Gutachter berichtet aus der Praxis
 

Das Messer reißt, anstatt sauber zu schneiden und die Schneidkante der Bahn wird ungleichförmig.

Beim Mehrbahnbetrieb einer Zeitungs-Druckmaschine traten häufig Bahnrisse im Oberbau auf: das führt zu nicht tolerierbaren Verzögerungen und gefährdet die pünktliche Auslieferung. Zur Ursachenanalyse wurde der Sachverständige eingeschaltet.

Beschreibung der Situation

Auf der begutachteten Zeitungsmaschine müssen täglich 250.000 Exemplare in einem bestimmten Zeit­fenster gedruckt werden. Für die Vorabausgabe werden etwa 50.000 Exemplare in eineinhalb Stunden und anschließend rund 200.000 Exemplare in drei Stunden benötigt. Die Tageszeitung besteht aus maximal vier Büchern, zweimal Broadsheet und zweimal Tabloid, und wird in Doppelproduktion hergestellt. Der Falz steht mittig zwischen sechs Drucktürmen, im Oberbau sind beidseitig jeweils vier Wendedecks angeordnet.

Bedingt durch die redaktionell bestimmten Seitenzahlen müssen nach dem Aufschneiden an den Zugwalzen auch viertelbreite Stränge gewendet werden. Dies bedingt komplizierte Bahnführungen und zeitintensives „webbing up“ (Wiedereinziehen), zumal die einzelnen Stränge nach den Zugwalzen manuell zum Trichter eingezogen werden müssen.

Das Wiedereinziehen der Bahnen dauert je nach Papierbahnanzahl 15 Minuten und mehr und führt daher immer zu empfindlichen Produktions-Verzögerungen. Hinzu kommt, dass sich der Produktionsstart oftmals durch die verspätete Lieferung von Datenfiles für die Plattenherstellung verzögert. Selbst beim Drucken mit hoher Geschwindigkeit (max. 80.000 Drucke/h) ist eine pünktliche Auslieferung der Auflage in der Regel nicht haltbar. Der Sachverständige war aufgefordert, insbesondere die Ursache der häufigen Bahnrisse zu ergründen und auch mögliche Verbesserungen aufzuzeigen.

Beobachtungen

Der stabile Papierlauf von mehrbahnigen Zeitungsoffsetmaschinen ist das Know-how der Maschinenführer, sie kennen die Wirkung von Wasser und Farbe und der maschinenseitigen Transport- und Zugelemente auf die Spannung der zu bedruckenden Papierbahnen aufgrund ihrer täglichen Erfahrung „aus dem Bauch“ heraus. Mit steigender Anzahl von Papiersträngen, Druckstellen, Bahnwegen und Produktionsmöglichkeiten bei immer schnelleren Druckgeschwindigkeiten hat sich die messtechnische Erfassung und Anzeige von Informationen wie zum Beispiel Höhe und Änderung der Bahnspannung vom Rollenwechsler bis zum Falzapparat jedes einzelnen Papierstrangs aber als effektive Hilfe erwiesen.

Vom Leitstand aus sind im wahrsten Sinne des Wortes auch große und insbesondere wegen ihrer Bauhöhe nicht überschaubare Druckmaschinen kontrollierbar. Auch an der begutachteten Druckmaschine traten die Bahnlauf-Probleme gerade in der zweiten und dritten Galerieebene auf, die von der Leitstandebene aus nicht einsehbar sind. Bei den Produktionsbeobachtungen des Sachverständigen stellte sich schnell heraus, dass das Bedienpersonal am Leitstand nicht genügend Informationen über die Papierbahnen, insbesondere der gewendeten Teilbahnen nach den Zugwalzen und vor dem Trichter, hat, weil dort keine Bahnspannungs-Anzeigen installiert sind. Für eine Analyse von Bahnrissen muss der Papierlauf während des Produktionsstarts, bei Rollenwechseln und beim Wiederanfahren nach einem Bahnriss  beobachtet werden, diese Überwachung kann das Bedienpersonal nicht parallel zur Produktion ­leisten. Der Sachverständige hat für diese Aufgabe zusätzlich Aufzeichnungen mit einer Video-Kamera durchführen lassen und konnte so auftretende Bahnrisse dokumentieren und analysieren.

Ursachenanalyse

Auswertungen im Vorfeld hatten gezeigt, dass die Ursache für die häufigen Bahnrisse nicht lokal an einer bestimmten Wendeeinrichtung oder Zugwalze zu suchen war, da die Probleme in beiden Wendedecks auftraten. Anhand der ständig wechselnden Editions-Konfiguration mit „problematischen“ und „problemlosen“ Produktionen gelang es, mehrere Störfaktoren zu identifizieren, die je nach Produktionsart zusammenwirkten, das Risiko eines Bahnrisses begünstigten:

  • Ein Bahnriss im Oberbau konnte mangels Bahnspannungsanzeige und Fotozelle nach einem Maschinenhalt am Leitstand nicht detektiert werden, beim Wiederanfahren entstand ein Wickler an einer Zugwalze. In der Folge reißt das Messer, anstatt sauber zu schneiden und die Schneidkante der Bahn wird ungleichförmig. Das Schneidmesser wird durch solche Wickler beschädigt oder schneller stumpf und müsste häufiger getauscht werden (siehe Abbildung).
  • Beim einem Wiederanfahren konnte der Sachverständige beobachten, dass Zugwalzen verzögert anlaufen oder nachlaufen. Durch den fehlenden Gleichlauf wird die Papierbahn stark beansprucht oder sogar aufgerissen, der ¼-Strang reißt dann leicht ein.
  • Während einer Produktion war ein Viertelstrang an der Trichtervoreinlaufwalze nur mit einem Trolley an den Zugring angestellt, durch den ungleichmäßigen Andruck riss der Papierstrang beim Anfahren.

Abhilfe

Nach Ansicht des Gutachters müssen zunächst die mechanischen Fehlerquellen ausgeschlossen werden: Die Kontrolle der Anstellung der Trolleys je nach Bahnbreite gehört zum Vorbereiten der Maschine, die Prüfung der Schnittkante der Schneidmesser muss einfach häufiger durchgeführt werden. Der Gleichlauf der Zugwalzen muss geprüft und gegebenenfalls ein elektrischer Abgleich durchgeführt werden.

Mit Erreichen einer mechanisch einwandfreien Maschine könnten im nächsten Schritt lang­fristige Maßnahmen diskutiert werden, um die vorgegebenen Produktionskonfigurationen mit Maschine und Mannschaft zu bewältigen.

Es wird vorgeschlagen, zum Beispiel das Einziehband auf Antriebs- und Bedienungsseite so zu verlängern, dass die geradeaus laufenden Bahnen automatisch bis zum Trichter eingezogen werden, während die gewendeten Stränge manuell mitgeführt werden. Damit kann die Maschine nach einem Bahnriss schneller angefahren, die Produktionsverzögerung reduziert werden. Für einen konstant sicheren Bahnlauf wird die Installation von Bahnspannnungs-Messwalzen im Oberbau auch angeregt. Durch die permanente Information der Bahnspannung im Leitstand hat der Bediener deutlich mehr Kontrolle, kann präventiv einwirken und Störungen frühzeitig erkennen und vermeiden.

Problemfälle aus grafischen Betrieben 

Der Autor Horst-Walter Hauer ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Druckmaschinen. Er betreibt ein Ingenieur- und Sachverständigenbüro für Rollenrotationsmaschinen in Würzburg.

E-Mail: Horst-Walter.Hauer@ibh-research.de
Tel.: 09 31/7 70 29
www.hauer-engineering.de

Erschienen in DD9/2014

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Leserkommentare (2)

H Köhn | Dienstag, 29. August 2017 13:36:05

ich werde Sachverständiger

Guten Tag,

auch für mich ist es unvorstellbar wegen diesen Sachverhalten einen Sachverständigen einzuschalten. Eingelaufene Zugelemente, stumpfe Messer, fehlender und ungleichmäßiger Anpressdruck der Zugrollen sind alles gängige Probleme einer Rotationsmaschine.
Wenn Teile der Maschine nicht vom Leitstand einsehbar sind muss man manchmal hinstehen und schauen was passiert.
Ich sehe hier eher das Problem an der Leitung der Druckerei. Hier wurde Wissen definitiv nicht weiter gegeben.

Rollenoffsetdrucker | Dienstag, 27. September 2016 10:56:06

Druckerniveau

Es ist für mich als gelernter Rollenoffsetdrucker, tätig an großformatigen Rollenoffsetmaschinen, nur schwer nachzuvollziehen, dass für die besagte Thematik ein Gutachter eingeschaltet werden muss. Es handelt sich um tägliche Situation die jeder Rollenoffsetdrucker lösen MUSS.

Eine weitere Frage die sich mir auftut, ist was für eine Qualifikation die besagten Drucker an der Maschine schichtübergreifend haben müssen, wenn diese solche Probleme nicht lokalisieren können. Ist das Niveau dort so gering, dass solche Problemsituationen nicht selber gelöst werden können? Ein anderer Ansatz könnte auch sein, dass man es vorzieht lieber einen Gutachter zu bezahlen, als vernünftige Löhne für gute Drucker zu zahlen. Das ist natürlich reine Spekulation, leider in vielen Druckereien aber immer noch Realität.

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