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Der schmale Grat zwischen Ideenklau und unbewusster Übernahme

Ein Gutachter berichtet aus der Praxis
 

Originalgrafik

Nicht erst seit dem Internetzeitalter stehen Piraterie und Plagiate im Fokus. Bereits in der griechischen Antike wurden Kaufleute von Piraten überfallen. Mediengestalter können sich nicht sicher sein, dass ihre kreativen Leistungen gegen Ideenklau oder (Teil-)Übernahme in fremde Werke geschützt sind. Doch lassen sich in der heutigen Vernetzung Urheberrechtsverletzungen einfacher aufdecken.

Vielfach besteht (fälschlicherweise) die Auffassung, dass Ideen und Werkleistungen von an-deren Quellen ungefragt übernommen werden dürfen, solange sie vor der Veröffentlichung entsprechend bearbeitet und verändert werden.

Entdeckt ein Gestalter sein Werk oder ein ähnliches Motiv im Internet oder in einer Printpublikation, liegt der Verdacht eines Plagiates nahe. Wird der betroffene „Plagiator“ enttarnt, argumentiert dieser verschiedentlich mit einer zufälligen „Doppelschöpfung“ oder einer unbewussten Entlehnung. Als Doppelschöpfung wird ein Werk bezeichnet, das mit einem bereits bestehenden Werk eines Dritten identisch ist. Ein oder mehrere Urheber der Doppelschöpfung sollen dabei von dem anderen (ursprünglichen) Werk keine Kenntnis gehabt haben.

Davon ist die unbewusste Entlehnung zu unterscheiden, die eine unbewusste, nicht vorsätzli­che Übernahme bzw. Entlehnung urheberrechtlich geschützter geistiger Leistungen und Werke oder Teile daraus versteht. Der Übernehmende glaubt irrtümlich, ein eigenes Werk zu schaffen. Entstehen zwei Werke zeitversetzt bei großen Übereinstimmungen, liegt die Annahme einer bewussten oder unbewussten Entlehnung aus dem älteren Werk nahe. Sofern das ältere Werk eine adäquate Veröffentlichung erhalten hat (Internet, Ausstellungen, Radio, Fernsehen etc.), dürfte ein Nachweis nur schwer zu führen sein.

Der Fall

In vorliegendem Fall ging es um die Gestaltung eines Logos und eines Flyers für einen Dienstleister. Hierfür hatte der Mediengestalter eine markengeschützte Wort-Bild-Marke (Logo) aus dem Internet entnommen. Signet und Schrift wurden farblich verändert. Der erklärende Schriftzug der Wortmarke wurde ebenso beibehalten und von Minuskeln auf Majuskeln verändert. Die Gesamtheit aller zu betrachtenden Gestaltungsregeln für eine Logoherstellung in Bezug auf Aspekte einer Doppelschöpfung (Wort- und Bedeutungsassoziationen, Logoarten, Formgebung, Proportionen, Positionierung, Typografie, Gestaltung, Entstehungszeitpunkt, Verbreitungsgrad, Markenschutz) ließen keinen Schluss auf deckungsgleiche Zufälligkeiten zu. In der Formgebung waren beide Logos deckungsgleich.

 
 

Plagiat

Diese Art der Deckungsgleichheit ist nach der statistischen Einmaligkeit der Werkschöpfung nicht möglich. Der gestalterische Ansatz des neuen Logos war lediglich eine Bearbeitung des bereits vorhandenen Originallogos und stellte keine Neuschöpfung dar. Durch die Markenregistrierung des Originallogos sowie leicht auffindbare Produkt- und Informationsseiten, die das Originallogo enthalten, ist der Nachweis einer Unkenntnis kaum möglich.

Recherche

Der gestaltete Werbeflyer enthielt neben diversen Werbetexten mehrere unterschiedliche Illustrationen. Die Illustrationen wurden zu weiteren Recherchezwecken aus dem Flyer extrahiert und maskiert. In einer Internet-Bildersuche konnten dann die Originalgrafiken aufgefunden werden, aus denen Teilelemente für den Flyer entlehnt wurden. Die Flyergestaltung bestand aus einer Kompilierung und Neuanordnung von Teilelementen, die aus unterschiedlichen copyrightgeschützten Originalquellen (Bildagenturen mit lizenzpflichtigen Inhalten) deckungsgleich extrahiert, bearbeitet und anschließend übernommen wurden.

Fazit

Unter dem Aspekt einer Doppelschöpfung ist, wie in diesem Fall geschehen, eine deckungsgleiche Übernahme aus mehreren verschiedenen Originalquellen keine zufällige oder unbewusste Übernahme mehr. Die Gestaltungen enthielten bewusst übernommene deckungsgleiche grafische Elemente. Bewusste, unveränderte oder veränderte Übernahmen geistiger Leistungen und Werke oder Teile daraus unter Anmaßung der Urheberschaft sind den Plagiaten zuzuordnen. Eindeutige, absolut deckungsgleiche Doppelschöpfungen, sind theoretisch möglich, kommen in der Praxis aber äußerst selten vor. Die Aneignung eines fremden Werkes bedarf der Zustimmung des Urhebers. Ausnahmen gibt es bei redaktionellen Nutzungen. Hier kann eine Nutzung unter Umständen erlaubt sein.

Problemfälle aus grafischen Betrieben 

 
 

Stefan K. Braun, Dipl.-Ing., ein weiterer Gutachter und Autor für die bekannte DD-Serie, ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Medienproduktion und Mediendesign in Frankfurt am Main.
E-Mail: sb@medien-sachverstaendiger.de
Tel.: 0 69/71 44 86 49
www.medien.expert

Erschienen in DD25-26/2014

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