Weiterempfehlen Drucken

Fehlerhaft aufgespendete DVDs in einer Zeitschrift

Ein Gutachter berichtet aus der Praxis
 

DVD-Querschnitt (Grafik: Stefan Braun), 1. Unterseite, Scheibe der Datenträgerschicht; 2. Datenschicht; 3. Reflexionsschicht Aluminium inkl. Klarlack-Schutzschicht; 4. Klebeschicht; 5. Oberseite, leere Gegenscheibe; 6. Druckschicht; 7. „Platzen“ der Reflexionsschicht, verbleibende Beschädigung nach Stoßeinwirkung; 8. Richtung der Stoßeinwirkung von außen auf die weiche, mit vielen Farbschichten be-druckte Oberseite ohne scheinbar sichtbaren Schaden nach der Einwirkung an der bedruckten Stelle.

Zeitschriften werden heute oft mit mehr oder weniger sperrigen Beilagen versehen. Ein Großteil der in einem Fachmagazin eingeklebten DVD-Beilage war beschädigt. In welcher Produktionsphase entstand der Fehler und was war die Ursache?

Heftbeilagen sind in vielfältiger Art möglich, zum Beispiel CDs und DVDs, Parfüm- und Cremeproben, Werbeeinleger, Postkarten, Aufkleber und sperrige Gegenstände finden Eingang in Zeitschriften. Diese werden eingeklebt, eingelegt oder als Cover Mount auf der Umschlag-Außenseite aufgeklebt. Oftmals befinden sich mehrere dieser Beilagen gleichzeitig in und auf den Magazinen.

Ausgangslage

Ein Anzeigenkunde hatte einen Werbefilm herstellen lassen, der als DVD mit einer Auflage von über 50.000 Stück vervielfältigt und anschließend in einem Fachmagazin aufgespendet wurde. Erst nachdem das Magazin im Handel war, wurde festgestellt, dass der Film auf dieser DVD sich nur teilweise abspielen ließ. Die DVD wurde in einer Standard-Papiertasche auf Seite 3 als einzige Beilage beigeklebt. Die Beiklebung erfolgte erst in der Weiterverarbeitung. Die DVDs wurden ohne Orientierung in der Tasche konfektioniert, d.h. sie wurden ohne Rücksicht auf den Stand des aufgedruckten Motives in die Papierstecktasche eingeschoben. Die Beschädigungen der Papiertasche wiesen in der Verkaufsausgabe spitze Druckstellen und Einritzungen sowie Klebespuren vom Aufspenden auf. Die spitzen Druckstellen waren auf der Unterseite der DVD an unterschiedlichen Stellen sichtbar. DVDs, die nicht in das Magazin eingeklebt wurden, wiesen keine Beschädigungen auf.

Die Schäden sollen entweder bei der Verpackung oder beim Transport der DVDs zwischen Presswerk, Druckerei und Weiterverarbeitung entstanden sein, oder auf einen Fertigungs- bzw. Produktionsfehler im Presswerk hinweisen. Des Weiteren sollen durch ein unsachgemäßes Verkleben der DVDs alle im Fachmagazin aufgespendeten DVDs in der Klebemaschine beschädigt worden sein.

Ursachenermittlungen

Auf Grund der vielen detaillierten Fertigungsschritte musste der gesamte Fertigungsprozess von der DVD-Vervielfältigung, Verpackung, Transport und die Fertigungsstufen im Press- und Postpressbereich branchenübergreifend beleuchtet werden. Prinzipiell besteht die DVD aus zwei zusammengeklebten Polykarbonatscheiben. Zwischen den Scheiben befindet sich eine Reflexionsschicht aus Aluminium. Bei Beschädigungen an der DVD „bricht“ die Reflexionsschicht und der abtastende Laser kann an dieser Stelle keine Führung mehr finden. Solche Beschädigungen können auch durch starkes Verbiegen der DVD entstehen. Diese Beschädigungen waren ursächlich dafür, dass die DVD nicht mehr abgespielt werden konnte. Da es bei der gegenständlichen Auflage sowohl defekte als auch funktionierende Datenträger existierten, konnte mit Sicherheit ausgeschlossen werden, dass es sich um einen Fertigungsfehler in der Sphäre des Vervielfältigers handelte. Ein Fertigungsfehler auf Premaster, Glasmaster oder der davon erstellten Pressmatritzen hätte sich in diesem Stadium durch alle Produktionsmaterialien gleichermaßen gezogen und wäre an exakt der gleichen Stelle aufgetreten.  

Ein Fehler in der Verpackung von DVDs in Papiertaschen konnten ebenso ausgeschlossen werden, da technisch bedingt Ansaugvorrichtungen die Papiertasche von der DVD wegziehen, anstatt sie auf die DVD zu drücken.

Fertigungsabläufe

Die in unterschiedlichen Druckverfahren hergestellten Einzelteile (Umschlag im Bogenoffset und Inhalt im Rollenoffset) konnten zusammen mit der auszuführenden Klebebindung und Aufspendung nicht in einem Arbeitsfluss abgewickelt werden. Die Endfertigung der Druckobjekte musste in der Weiterverarbeitung erfolgen.

Im Rollenoffsetdruck erfolgte das Falzen und Schneiden der Papierbahn im Falzapparat der Druckmaschine. Erst das abschließende Querschneiden trennte die Papierbahn in einzelne Bogen, die dann weiterverarbeitet wurden. In dieser Phase der Fertigung existierte ein fertig gedrucktes, aber noch nicht zusammengetragenes, gebundenes oder beschnittenes Magazin, in das bisher noch keine Beilagen eingebracht wurden. Die Untersuchung der verkaufsfähig hergestellten Magazine hatte gezeigt, dass die einzelnen Druckteilprodukte, auch im Umfeld der Beilageneinklebung, keinerlei Beschädigungen aufwiesen. Somit konnte der Auflagendruck als Fehlerquelle ausgeschlossen werden. Der einwandfreie Zustand des Fachmagazins gab keine Hinweise auf Transportfehler.

In der Weiterverarbeitung wurden die aus der Druckerei überführten Druckbögen für den Umschlag sowie die Druckteilprodukte für den Inhalt gesammelt und zusammengeführt, gebunden und dreiseitig beschnitten sowie die Beilage an der richtigen Stelle aufgespendet. Die Aufspendung erfolgte auf der ersten Seite des ersten Druckteilproduktes (Seite 1 bzw. Paginierungsseite 3). Die Druckteilprodukte wurden über ein Transportband an der Zuführungseinheit vorbeigeführt und die DVDs mittels Heiß- oder Kaltleimung an der richtigen Stelle auf der Oberseite des Druckteilproduktes unter hohem Druck aufgedrückt. Das Anpressen der DVD-Beilage wurde über Sensoren gesteuert. Die Toleranz der Platzierung lag bei etwa 3-5 mm. Das bedeutete, dass eine in diesem Moment entstehende Beschädigung nicht grundsätzlich immer exakt an der gleichen Stelle liegen konnte.

Fazit

Die auf der zu untersuchenden Papiertasche existierenden Spuren sind unterschiedlicher Herkunft. So konnten zwei verschiedene Spurenarten definiert werden: Schleif- und Schnittspuren sowie Druckspuren. Da die DVD in der Papiertasche auf der Unterseite keinerlei mechanische Beschädigungen aufwies, musste der schädigende Stoß von der Oberseite des Beilegers erfolgen. Die Beilagen wurden auf dem Druckteilprodukt positioniert. Ein Ansaugkopf drehte die Beilage zusätzlich auf die richtige voreingestellte Stelle des Druckteilproduktes. Diese mechanische Bewegung in Korrelation von zu starkem Ansaugdruck, Drehbewegung und Anpressdruck führten letztendlich zu der Beschädigung in Form der vorhandenen Druckspur auf den DVDs.

Der Gutachter 

Stefan K. Braun, Dipl.-Ing. (FH), ein weiterer Gutachter und Autor für die be­kannte DD-Serie, ist öffentlich be­stellter und vereidigter Sachverständiger für Me­dienproduktion und Me­dien- design in Frankfurt am Main.

→ Mail: sb@medien-sachverstaendiger.de

Tel.: 069 / 71 44 86 49
Web: www.medien.expert

Anzeige

Firmen-Suche

Leserkommentare (1)

Robert Kleist | Dienstag, 07. März 2017 13:06:02

Warenproben kleben mit Kaltleim?

"die DVDs mittels Heiß- oder Kaltleimung"

Seid wann werden den Warenproben mit Kaltleim geklebt?

Welcher Hersteller bietet das an?

Schadensfälle

Dauerthema Farbabrieb: Liegt die Verantwortung immer beim Drucker?

Ein Gutachter berichtet aus der Praxis
Farbabrieb ist ein häufiger Reklamationsgrund

Für den Auftraggeber eines Druckjobs ist es meist eindeutig. Heißt der Reklamationsgrund Farbabrieb, dann liegt die Verantwortlichkeit dafür auf Seiten der Druckerei, denn sie hat ja schließlich die Druckfarbe auf das Papier gebracht. Den Druckereien sind andererseits oft durch Vorgaben bei der Verwendung der Materialien Papier und Druckfarbe die Hände gebunden.

» mehr

Druck&Medien Awards 2016: After-Show-Party

Jetzt NEU

Die print.de-Karte der wichtigen Branchenkontakte

Mehr Details zu den einzelnen Anbietern in Ihrer aktuellen Ausgabe des Deutschen Druckers unter Service/Das Branchenverzeichnis A-Z
mehr

Top-Themen

Geschäftsführer Christian Aumüller (Aumüller Druck) hinterfragt den ökologischen Sinn von Forstwirtschaftszertifikaten für Druckereien.

"Fürs FSC/PEFC-Zertifikat werden Druckereien ordentlich gegängelt!"

Am Rande eines Interviews mit „print.de“ über das Engagement der Industriedruckerei Aumüller Druck in Regensburg in Sachen betrieblicher Umweltschutz berichtete Geschäftsführer Christian Aumüller über seine jahrelangen Praxiserfahrungen mit der FSC/PEFC-Zertifizierung und hinterfragt deren Sinnhaftigkeit für die Druckindustrie.
mehr

Ganz so unbedeutend ist die Druckbranche gar nicht

Wenn das Geschäft einer Druckerei nicht mehr auskömmlich ist, hört man immer wieder dieselben Begründungen: „Das Internet macht uns das Leben schwer.“ Oder: „Wegen des ruinösen Preiskampfes haben wir keine Chance.“ Warum solche negativen Statements der Printbranche nicht gerecht werden und warum Zeitschriften als Premiumprodukte auch häufiger als alle zwei Monate erscheinen können, erläutert Bernhard Niemela, Geschäftsführer Deutscher Drucker.
mehr

Aktuell bei Top 10

Die 10 besten Schriften 2016

Das sind die 10 besten Schriften des Jahres 2016 – zumindest wenn es nach der britischen Type Foundry "HypeForType" geht. Das britische Versandhaus für Schriften hat die aus seiner Sicht besten Schriften des vergangenen Jahres gekürt.
mehr

Druck&Medien Awards 2016 – Get-together und Dinner

CGI – So sieht die Zukunft der Bildbearbeitung aus

Umfrage

Gibt es in Ihrem Unternehmen Betriebsferien im Sommer?

Jetzt abstimmen

Kommentare

Services

Bitte warten...