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Primer als Allheilmittel gegen Lackhaftungsstörungen?

Ein Gutachter berichtet aus der Praxis
 

Benetzung mit Testtinte (38 mN/m) auf Primerlack über druckfreien Zonen und keine Benetzung über be­druckten Bereichen.

Drucker wie Druckveredeler fühlen sich auf der sicheren Seite, wenn als Primer ausgewiesene Lacke in den Druckmaschinen für weitere Verfahren der Druckveredelung zum Einsatz gekommen sind. Was, wenn es Anlass zur Reklamation gibt?

Zu hohen Prozentsätzen sind heute die Druckmaschinen mit integrierten Lackwerken ausgestattet, die ermöglichen, verschiedene Lacksysteme inline aufzutragen. Speziell bei  Aufträgen, die eine zusätzliche UV-Lackierung erfordern, bietet sich die Möglichkeit, durch den Auftrag eines Primers anstelle eines konventionellen Schutzlackes optimale Voraussetzungen für die Lackhaftung, einen gleichmäßigen Lackverlauf der hochviskosen UV-Systeme und somit verbesserte Glanzwirkung zu schaffen. Auch für eine gute Folienhaftung, die unabhängig von Druckmotiven und deren Druckfarbenbelegung gleichmäßig über die Druckbogen vorliegen sollte, ist der Einsatz von Primern die richtige Wahl der Mittel. Primerlacke sollten keine Wachse enthalten, die eine Adhäsionswirkung von UV-Lacken oder Kaschierklebstoffen nur stören würden. In Primern werden überwiegend Styrol-Butadien-Copolymerisate eingesetzt, die hohe Anteile polarer Gruppen enthalten und somit für die Lacke und Klebstoffe der Druckveredelung gute Voraussetzungen für eine optimale Adhäsions­wirkung bieten.

Was wurde beanstandet?

Nahezu gleichzeitig wurden zwei Reklamationsfälle angeliefert, bei denen die Art der Druckveredelung im hohen Maße unterschiedlich abgelaufen waren und nur der Wortlaut der Kundenklagen „Ablösung der Beschichtungen des Druckes bei der Rillung in der Druckweiterverarbeitung“ deutete auf ähnlich gelagerte Probleme hin. In einem Fall wurden Präsentationsmappen mit Folie kaschiert, in dem anderen Fall Faltschachteln mit einem UV-System lackiert, beide Lieferungen riefen jedoch den Zorn des Kunden wegen der schlechten Rilleigenschaften hervor.

Klärung der Reklamationsursache

Laut den vorliegenden Informationen zum Druck und anhand der Datenblätter waren bei beiden Auflagen Primerlacke und keine Schutzlacke im Offsetdruck inline verarbeitet worden. Trotz Einsatz der Primer war durch Prüfungen der Klebeband-Festigkeit der Lackierung, respektive bei Schälkraftmessungen an den Folienkaschierungen zu erkennen, dass zwischen leichten Rastertönen der Abbildungen und farbintensiven Drucken deutliche Unterschiede der Hafteigenschaften der Beschichtungen vorhanden waren.

Die festgestellten Enthaftungen von UV-Lack beziehungsweise der Kaschierfolie unter den ­Rillungen der beanstandeten Muster ließ sich ­eindeutig mit den Zonen der höchsten Druckfarbenbelegung in Zusammenhang bringen. Durch eine glückliche Fügung waren noch einige unveredelte Druckbogen in den beteiligten Betrieben vorhanden, an denen sich weitere Messungen ­vornehmen ließen.

Durch Messungen der Oberflächenspannung (OFS) an verschiedenen Zonen der Druckbogen und die Interpretation der Messergebnisse nach der Finat-Test-Methode Nr.15 ließen sich überraschende Erkenntnisse zur Reklamationsursache gewinnen. Die Prüfungen auf farbintensiv bedruckten Zonen bei den zur UV-Lackierung vorgesehenen Bogen wiesen für eine vorausgegangene Primerlackierung unverhältnismäßig geringe Werte der OFS auf, die sich in Größenordnungen von lediglich 33 mN/m bewegten. Farbintensive Abbildungen der zur Folienkaschierung eingesetzten Bogen wiesen noch extremere Werte von lediglich 29 mN/m auf.

Allgemein ist bekannt, dass Werte unter 35 mN/m die Hafteigenschaften von Lackierungen und Klebungen zunehmend negativ beeinflussen. Bedingt durch diese verwirrenden Ergebnisse der Messungen kamen nicht unberechtigte Zweifel auf, dass bei beiden Auflagen, im Gegensatz zu den Behauptungen der Druckereien, Dispersions-Schutzlacke mit hohen Wachsgehalten an Stelle von Primern eingesetzt worden waren.

Die zweite Überraschung bot sich jedoch nach wiederholten Prüfungen der OFS auf den leider nur sehr wenigen zu Verfügung stehenden druckfreien Bereichen. Für diese Messungen boten sich lediglich eine Negativschrift in Großbuchstaben und ein schmaler druckfreier Rand im Bereich des Lackstoßes des angeblichen Primerauftrags an. Nach relativ diffizilen Prüfungen auf diesen wenigen druckfreien Zonen wurde deutlich, dass in diesen Bereichen die OFS der aufgetragenen ­Dispersionslacke in beiden Fällen bei 37 mN/m beziehungsweise 38 mN/m lagen.

Die Abbildung zeigt die Messungen mit einer Testflüssigkeit von 38 mN/m, die auf der lackierten negativen Schrift eine Benetzung eingeht, unmittelbar daneben auf dem Vollflächendruck jedoch eine Nichtbenetzung zeigt.

Die Ergebnisse dieser Tests belegen, dass in guter Absicht definitiv ein Primer in der Druckmaschine aufgetragen wurde, es blieb lediglich die Frage offen, weshalb über die Druckbogen verteilt und in starker Abhängigkeit von der Farbbelegung der Motive gravierende Unterschiede der OFS der Lacke vorhanden waren. Wie bereits aufgeführt, waren die Primerlacke inline aufgetragen worden.

Es bleibt lediglich der Schluss, dass bei der Lackierung nass-in-nass eine Vermischung zwischen wegschlagenden Bestandteilen der Druckfarben (Ölen), die teilweise ausgeprägten unpolaren Charakter aufweisen können und dem zuletzt aufgetragenen Lack erfolgt. In jedem Fall lässt sich bei Versuchen im Probedruckgerät, bei denen wechselweise die Lackierungen nass-in-nass beziehungsweise nass-auf-trocken vorgenommen wurden, ein Einfluss auf die OFS des eingesetzten Lacks erkennen.

Ob bei Praxismaschinen durch das Emulgierverhalten der Druckfarben und somit den Feuchtwasser-Zusätzen noch weitere negative ­Einflussfaktoren bestehen, müsste noch durch weitere Tests belegt werden.  

     
Fazit aus den Untersuchungen

Im Hinblick auf vorgesehene Veredelungen der Drucke, die nicht in der Druckmaschine erfolgen, ist der Einsatz von „echten“ Primerlacken an sich eine Pflichtübung. Im Hinblick auf den Titel des vorliegenden Beitrages kann festgehalten werden, dass Primerlacke leider nicht unbedingt ein Allheilmittel gegen Adhäsionsstörungen von UV-Lacken oder  Folienkaschierungen darstellen. Die peripheren Einflüsse des Druckprozesses bei nass-in-nass erfolgten Applikationen der Primer stellen einen Faktor dar, der einer Gleichung mit vielen Unbekannten in der Mathematik entspricht.

Problemfälle aus grafischen Betrieben 

Der Autor Peter Stadler ist freier Berater (Firma Info Star, München) und ehemaliger Abteilungsleiter der Abteilung Druckweiterverarbeitung, Druckpapier und ID-Kartenprüfung bei der Fogra.
E-Mail: infostar@stadler-muenchen.com
Tel. 0 89/74 10 00 23

Erschienen in DD17/2013

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