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Wertminderung bei verunfallter Maschine?

Ein Gutachter berichtet aus der Praxis
 

Darstellung des Zustandes der Maschine, die nach dem Austauschen der Teile begutachtet wurde.

Das Druckwerk einer gebrauchten Bogendruckmaschine wurde bei der Einbringung in die Räume des Käufers durch den Frachtführer des Transportunternehmens beschädigt. Trotz fachgerechter Instandsetzung durch den Maschinenhersteller kam es zum Rechtsstreit, da der Käufer Schadensersatzansprüche wegen Wertminderung und Produktionsausfällen geltend machte.

Beschreibung der Situation

Der Käufer hatte eine 10 Jahre alte, umfassend überholte Fünffarben-Bogendruckmaschine vom Maschinenhersteller erworben. Dieser ließ die bei der Einbringung verunfallte Druckeinheit abtransportieren und beim Hersteller unter Nutzung von Neuteilen aus seinem Lager instandsetzen. Danach wurde die Druckeinheit in die Maschinenanlage eingebaut. Mit Übernahmeprotokoll erklärte der Hersteller die Abnahme der Maschine und forderte den Käufer auf, die letzte Rate des Kaufpreises zu zahlen. Dieser verweigerte die Zahlung mit der Forderung von Schadensersatzansprüchen. Nach Meinung des Herstellers als Kläger war die Maschine nach erfolgter Instandsetzung nicht im Wert gemindert sondern hätte gegenüber der ursprünglichen Gebrauchtmaschine und gegenüber vergleichbaren Maschinen gleichen Alters und gleichen Typs sogar an Wert gewonnen. Durch Einholung eines schriftlichen Gutachtens sollte Beweis erhoben werden über die gegensätzlichen Behauptungen der Prozessbeteiligten und der Mehr- oder Minderwert der Maschine nach Instandsetzung bestimmt werden.

Technischer Zustand

Zur Wertermittlung der Maschinenanlage durch die Instandsetzung wurden die Zustände des Druckwerks definiert:

  • Z1 – Zustand nach Aufarbeitung, Kaufzustand; Aufgearbeitete Teile T1.1 wurden eingebaut
  • Z2 – Zustand nach Unfall; gebrauchte Teile T2.1 und aufgearbeitete Teile T2.2 wurden beschädigt
  • Z3 – Zustand nach Instandsetzung; gebrauchte Teile T3.1, beschädigte Teile T3.2 und aufgearbeitete Teile T3.2 sind ausgetauscht worden.

Die vom Maschinenhersteller aufgearbeiteten Teile T1.1 waren im Kaufvertrag genannt worden und umfassten bei den Druckwerken die Überholung, die Überarbeitung oder den Austausch der Greifersysteme, der Pneumatik, der Farbkästen, der Reibzylinder sowie der Gummiwalzen.

Begutachtung der beschädigten Teile

Da die Liste der beschädigten Teile (T2.1 und T2.2) von der Versicherung nicht herausgegeben wurde, wurde ein Ortstermin zu Besichtigung der beim Druckmaschinenhersteller eingelagerten und beschädigten Teile anberaumt. Alle beschädigten Teile konnten nicht den Teilen T2.2 zugeordnet werden, die vor dem Unfall zu den aufgearbeiteten Teilen T1.1 gehörten.

Bestimmung des Zustandes Z3

Die Unterlagen des Maschinenherstellers zeigten, dass die Teile dem Lager zur Instandsetzung entnommen wurden. Bei dieser Beschaffungsart ist von der Entnahme von Neuteilen auszugehen. Die ausgetauschten Teile wurden jedoch in Bezug auf eine wertverbessernde oder wertneutrale Auswirkung auf den Zustand des Druckwerks untersucht.

Wertneutraler Austausch

Der Tausch beschädigter mechanischer Teile, die keinem Verschleiß durch bestimmungsgemäßen Gebrauch unterliegen und nicht zum optischen Erscheinungsbild beitragen, zum Beispiel das Seitengestell des Druckwerkes oder eine Traverse, bewirkt keinen Vor- oder Nachteil für den Zustand des Druckwerkes nach Instandsetzung. Es wird nur die ursprüngliche Funktion wiederhergestellt. Neu- zu Altteilen (unbeschädigt) weisen keine verschiedenen Eigenschaften oder zusätzlichen Funktionen auf.

Wertverbessernder Austausch

Der Tausch beschädigter mechanischer und elektrischer Teile gegen Neuteile, die eine höhere Funktionalität oder verbesserte Materialeigenschaft als das beschädigte Teil aufweisen, zum Beispiel Steuerung oder leichtere Hebel, bewirkt einen Vorteil in der Funktion bzw. Dynamik des Druckwerkes.

Der Tausch beschädigter Teile, die einer optischen Alterung durch bestimmungsgemäßen Gebrauch (nicht Verschmutzung) unterliegen, durch Neuteile, bewirkt einen Vorteil im Erscheinungsbild gegenüber dem Zustand der gebrauchten Teile vor Druckwerk-Beschädigung.

Der Tausch beschädigter Teile durch Neuteile, die einem Verschleiß durch bestimmungsgemäßen Gebrauch unterliegen, zum Beispiel Zylinderlager, bewirken einen technisch bedingten Vorteil in der Brauchbarkeit gegenüber dem Zustand der gebrauchten Teile vor Beschädigung des Druckwerkes. Diese Teile haben gegenüber dem Zustand des Druckwerkes vor Instandsetzung die Eigenschaft einer größeren Lebensdauer oder geringerer Ausfallrate.

Bewertung

Die Wertänderung des Druckwerks wird bestimmt aus der Summe der Istkosten der Austauschteile und der Gewichtung mit dem Gemeinkostenfaktor auf Herstellkosten und dem Zeitwerten Vorteil. Der zeitwerte Vorteil von Austauschteilen, die vorteilhaft für die Funktion des Druckwerks sind, muss fallweise identifiziert werden. Im vorliegenden Fall fiel jedoch keines der beschädigten Teile in diese Kategorie. Der zeitwerte Vorteil von Austauschteilen in der Erscheinung und Brauchbarkeit wird bestimmt aus der bereits geleisteten Nutzungsdauer und der unter normalen Betriebsbedingungen zu erwartenden technischen Lebensdauer von üblicherweise 25 Jahren. Im vorliegenden Fall der geleisteten Nutzungsdauer von 10 Jahren beträgt der Zeitwerte Vorteil der Austauschteile 60%. Als Gemeinkostenfaktor wurde fGH =1,2 angegeben.

Ergebnis

Der Sachverständige kam in seinem Gutachten zu dem Ergebnis, dass dem Beklagten durch die kostenfreie Instandsetzung kein Nachteil entstanden ist. Die beschädigten Teile wurden durch Neuteile gleicher Funktion fachgerecht ersetzt. Der Tausch beschädigter gebrauchten Teile, die durch bestimmungsgemäßen Gebrauch bereits vor Beschädigung mit Verschleiß behaftet waren, ergibt einen zeitwerten Vorteil in Bezug auf die Lebensdauer.

Somit wurde eine Wertminderung der Maschine durch Instandsetzung des Druckwerks nicht festgestellt. Es wurde eine relativ geringe Wertverbesserung festgestellt und unter Berücksichtigung des zeitwerten Vorteils beziffert.

Der Gutachter 

 Horst-Walter Hauer ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Druckmaschinen. Er betreibt ein Ingenieur- und Sachverständigenbüro für Rollenrotationsmaschinen in Würzburg.

E-Mail: horst-walter.hauer@ibh-research.de

Tel.: 09 31/7 70 29

www.hauer-engineering.de

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