Wie sich Druck und Weiterverarbeitung heute in den Workflow integrieren


Der Postpress-Mitarbeiter wird (hier am Heidelberg Data Terminal) am informativen Monitor durch die Produktion geführt, alle damit verbundenen Informationen stehen im Betrieb online zur Verfügung.

Bei Druckmaschinen finden wir JDF-Schnittstellen nun seit rund fünf Jahren als Standard, jedenfalls im Bogenoffset. In Postpress darf man dies seit zwei bis drei Jahren als teilweisen Standard sehen, das ist hersteller- und maschinenspezifisch zu sehen. Zu den bekannten gut aufgestellten Lieferanten zählen dabei Horizon, MBO, Müller Martini, Heidelberg und Polar sowie Woh-lenberg, um nur einige zu nennen. Aber – und das ist ein wesentlicher Punkt gerade für Postpress – die Möglichkeiten zur Einbindung vorhandener Anlagen und alter Maschinen haben sich wesentlich erweitert. Dies liegt einmal daran, dass viele Lieferanten interne Vernetzungen entwickelt haben, also eigene Leitstände, an denen auch „alte Schätzchen“ angeschlossen werden können, die Leitstände ihrerseits aber (nahezu) voll integriert im Gesamtworkflow sind. Und schließlich gab es noch nie derart gute und leicht zu bedienende BDE-Terminals wie heute, mit denen eine fortlaufende, aktuelle elektronische Erfassung von Betriebsdaten leicht geworden ist.

Konkreter Nutzen? Was haben Druck und Weiterverarbeitung davon? Tatsächlich ist es so, dass ein neu definierter Druckereiworkflow auch in diesen Abteilungen heute realisiert werden kann und derzeit in vielen Betrieben auch aktiv umgesetzt wird. Dies ist anders als die bisherigen Teilautomatisierungen an Druck- und Buchbindereimaschinen, ein durch die gesamte Produktion laufende und über alle Abteilungen realisierter Komplettworkflow. Er führt gerade in den „schwermetalllastigen“ Druckerei-Abteilungen erstmals zu einer Produktionssteuerung, die diesen Namen verdient und mittlerweile sogar in Echzeit erfolgen kann. Die Zeiten, wo ein Disponent am späten Nachmittag seine Wunschplanung hinterließ und am nächsten Morgen nach einem einstündigen Rundgang die Trümmer seiner Planung wieder einsammelte, sind endlich vorbei. Produktionsabteilungen wechseln ihre Aufgaben zur Überwachung der von digitalen Auftragsdaten vielfach selbsttätig eingestellten Maschinen, womit alle Abteilungen einander näher rücken, insbesondere aber Sachbearbeitung und Arbeitsvorbereitung, sowie die Disposition geradezu verzahnt werden mit Druck und Buchbinderei. Das ist einer neuen, nahezu vollständig digitalen Kommunikation zu Auftrag, Produktion und Abwicklung geschuldet, die aus den „Tageszettel- Märchen“ eine reale Echtzeiterfassung und Transparenz bis zur letzten Schneidemaschine und selbst der Handarbeit
werden lässt.

Es ist eben heute keine Hexerei und kein Problem mehr, an einem BDE-Terminal den gerade auf Stapel gelegten tatsächlichen Zuschuss zu erfahren, am Planungsdisplay auf dem Leitstand die minutengenaue Produktionsreihenfolge zu sehen und der digitalen Auftragstasche den kurzfristig geänderten Versandtermin mitsamt neuer Schicht- und Auftragspläne zu entnehmen.
Fragt man nun erfahrene Anwender von integrierter Druck- und Weiterverarbeitung, so erfährt man durchaus unterschiedliche Nutzeffekte, je nach Schwerpunkt, bisherigen Abläufen und Betriebsspezifika. Unzweifelhaft sind erheblich verbesserte Maschinenauslastungen und daraus resultierenden Nutzungsgraden, 1 bis 2 % auf der Rolle oder dem Klebenbinder mehr genutzt, lässt die Druckereikasse klingeln. Gemeinsames Merkmal der meisten vernetzten Druckereien ist die Abwicklung von mehr Aufträgen in kürzerer Zeit mit dem gleichen oder sogar verringertem Personalbestand. Dies wiederum liegt auch an einer beschleunigten Durchlaufzeit von Aufträgen aufgrund realistischerer Planungen und der Vermeidung von Rüstzeiten, dazu entfallen Unsicherheiten über die Auftragsreihenfolge. Doppelarbeiten werden unnötig und Stillstandszeiten an teuren Maschinen unterbleiben. Gerade im Postpress kann man durch stimmige und aktuelle Informationen schneller und effizienter arbeiten, aber ohne Qualitätsverlust, viele Fehler können vermieden werden. Das ist natürlich ein wesentlicher Effekt einer punkt- und zeitgenauen Planung, selbst wenn diese durch neue Möglichkeiten mehr Personalaufwand in der Disposition erfordert und sinnvoll macht. Gleichzeitig sinkt der Aufwand in der Erfassung der Betriebsdaten erheblich, deren Qualität steigt dagegen auf bisher unbekannte Niveaus und selbst Teile der Nachkalkulation und der Betriebsanalyse können automatisiert werden. Das alles wiederum bringt der Unternehmensleitung transparentere Prozesse, auch in Zwei- oder Dreischichtunternehmen, bessere Produktions- und Maschinenauswertungen, Informationen darüber, wo Geld verdient wird und wo nicht.
Auch für Press- und Postpress gilt die Erfahrung, dass die Einsparungen aus integrierten Workflows in Mittelbetrieben durchgängig im sechsstelligen Eurobereich liegen. Die Amortisation von Vernetzungsprojekten liegt zwischen neun und 24 Monaten. Schließlich können Umsatz- und Gewinnsteigerungen bei gleichen oder geringeren Personalkosten verzeichnet werden. Man hört von bis zu 15 Prozent, das ist aber nicht pauschalisierbar, wenn auch eine eindrucksvolle Erfahrung von Pilotbetrieben.

Übersicht ist groß geschrieben, hier bei der Auftragsauswahl mit Heidelberg Postpress Manager/BDE.

Und wenn sich ein Anwender wie Erik Kurtz vom Buchspezialisten Kösel nur noch eines wünscht, nämlich einen „iProd“, also die Produktionsverfolgung live auf seinem Smartphone, dann wird endgültig deutlich: In der modernen integrierten Produktion von Druckmedien wird der Informationsworkflow weitestgehend papierfrei. 

Autor: Michael Mittelhaus
Erschienen in DD 35/2010

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