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1000 Jahre alte Bücher ganz neu entdecken

Neue Software soll das Blättern in einer virtuellen 3-D-Darstellung bibliophiler Kostbarkeiten ermöglichen – Präsentation auf der Cebit 2013
 

Nur durch einen Fingerzeig auf die Seitenecke können Betrachter die Seiten umblättern. Damit das „Buch“ möglichst realistisch erscheint, berücksichtigt die Software unter anderem auch, wo der Leser es aufschlägt.

Ein neues Verfahren nicht nur für historisch interessierte Leseratten: Einmal ausführlich im Stundenbuch Karls des Kühnen schmökern? Das ist nun möglich. Mit einem Fingerzeig können sie Seiten umblättern, vergrößern und weiterführende Informationen aufrufen. Eine neue Software des Fraunhofer-Instituts für Nachrichtentechnik, Heinrich-Hertz-Institut (HHI) in Berlin, erlaubt es, auch über 1000 Jahre alte Bücher ganz neu zu entdecken. Die Forscher wollen ihre Lösung vom 5. bis zum 9. März 2013 auf der Cebit in Hannover (Halle 9, Stand E08) präsentieren.

Sie wurden einst für den alltäglichen Gebrauch erschaffen und sind heute in der Regel sicher und luftdicht verwahrt – frühe Zeugnisse der Buchkunst sind im Allgemeinen nur sehr schwer bis gar nicht zugänglich. Das Privileg, in ihnen zu blättern, war bislang nur einigen wenigen vorbehalten. Aufgrund ihrer Fragilität und ihres hohen Werts verlassen die meist kunstvoll gearbeiteten Werke ihre Tresore so gut wie nie. Zu groß die Gefahr, die reich illustrierten Bände und Pergamentseiten nachhaltig zu beschädigen.

Selbst in einschlägigen Ausstellungen bietet sich nur ein eingeschränkter Blick auf die prachtvollen Dokumente – bis jetzt. Denn Forscher des Heinrich-Hertz-Instituts eröffnen Museumsbesuchern bisher ungeahnte Einblicke. Aufgrund ihrer in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Staatsbibliothek entwickelten Lösung kann künftig jeder nach Belieben in antiken Büchern lesen und stöbern, ganz ohne die empfindlichen Schriftstücke zu gefährden. Der Trick: Geblättert wird in einer virtuellen 3-D-Darstellung des fragilen Originals.

Bücher zu digitalisieren und sie so vor dem drohenden Verfall zu bewahren, ist schon seit einiger Zeit gängige Praxis. Das Ergebnis dieser Scans war stets eine Sammlung zweidimensionaler Einzelseiten. Das neue Verfahren geht an dieser Stelle einen entscheidenden Schritt weiter: „Wir haben ein generisches Buchmodell erstellt – also quasi ein leeres Softwarebuch mit Buchdeckel, Rücken und den einzelnen Seiten“, erläutert Paul Chojecki, Geschäftsfeldleiter am HHI. „In dieses Buchmodell können die Bibliotheksmitarbeiter vorhandene und neue Scans auf einfache Art und Weise einfließen lassen und so zu einem realitätsgetreuen, dreidimensionalen Gesamtbuch zusammenstellen. Dieses lässt sich auf verschiedenen Displays darstellen.“ Durch einen Fingerzeig auf die Seitenecke können Betrachter die Seiten umblättern. Dazu analysiert die Software Videodaten zu ihrer Positionierung und der ihrer Hände. Darüber hinaus können sie Seiten nach Bedarf größer und kleiner ziehen, hinterlegte Bookmarks verweisen auf interessante Stellen.

Damit das „Buch“ möglichst realistisch erscheint, berücksichtigt die Software unter anderem, wo der Leser es aufschlägt: Wie wölben sich die Seiten, wenn man das Buch in der Mitte aufschlägt, wie am Buchanfang? Auch unterschiedliche Buchformate haben die Wissenschaftler bedacht. So können die verschiedenen Bücherscans in originaler Größe und Geometrie abgebildet werden. Verknüpfungen zu anderen Büchern oder Übersetzungen, die ebenfalls von der Software dargestellt werden können, geben zusätzliche Informationen.

In der Bayerischen Staatsbibliothek ist das „virtuelle Buch“ bereits seit zwei Jahren im Einsatz. Bislang allerdings nur auf zweidimensionalen Bildschirmen, denn das dort eingesetzte System konnte noch keine 3-D-Displays bedienen. Jetzt haben die Forscher die Software erweitert: Schnell und einfach können die Mitarbeiter der Bibliothek aus den 2-D-Scans nun 3-D-Bücher erzeugen und diese auf beliebigen dreidimensionalen Displays darstellen. 

Auf der Cebit wollen die HHI-Forscher ihre Software auf einem 3-D-Display vorstellen. Zu den Zielgruppen gehören jedoch nicht nur Museumsbetreiber und -besucher: Die Software lässt sich ebenso für Produktkataloge und damit für Versandhäuser nutzen. Eine weitere Anwendungsmöglichkeit bietet der Buchhandel: In Buchläden könnten Kunden mithilfe der neuen Technologie etwa in Büchern stöbern, die aktuell vergriffen, aber bei Bedarf zu bestellen sind.

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