Weiterverarbeitung und Vernetzung: Flächendeckende Nutzung nicht in Sicht

Automatisierung in der Druckweiterverarbeitung

Ganz neu bei Stein + Lehmann: die Diamant MC Buchfertigungslinie von Müller Martini produziert Hardcover bis 80 mm Blockstärke, kleinste und größte Formate mit Lesebändern, inline.

Längst hat die Industrialisierung in der Druckbranche Einzug gehalten. Die Themen JDF und Vernetzung werden seit dem Jahr 2000 heiß diskutiert und vielfach in Vorstufe und Druck angewendet. Doch wie sehr kommt in der Druckweiterverarbeitung die Workflowoptimierung durch Vernetzung zum Tragen? Wir haben Vertreter der CIP4-Organisation, Unternehmer und Kenner der Branche nach ihrer Meinung zu diesem Thema befragt.

Wenn heute bei einem klassischen Weiterverarbeiter ein Auftrag eintrifft, so hat dieser meist schon einen langen Weg durch Kreation, Auftragsbearbeitung, Vorstufe und Druck hinter sich und das Printprodukt eine hohe Wertschöpfung erreicht. Ab diesem Zeitpunkt ist die Leistung der Weiterverarbeitung gefragt, denn Kosteneffizienz, hohe Qualität und zeitoptimierte Verarbeitung sind Themen, die jetzt hier auf der Tagesordnung stehen. Hier ist man gefordert, eingehende Aufträge möglichst effektiv und kostenbewusst zu bearbeiten, doch nicht überall kommt dafür die Vernetzung per JDF zum Einsatz. Wir fragen nach den Gründen.

Stein + Lehmann, die Buchbinder

Vor gut zehn Jahren vereinigten sich die Buchbindebetriebe Heinz Stein und Buchbinderei Lehmann zu Stein+Lehmann. Heute sind hier 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon 40 meist selbst ausgebildete Industriebuchbinder, mehrere Industrie- und Handwerksmeister und vier Ingenieure beschäftigt. Das zeugt von hoher Fachkompetenz. Auf 5000 m² Produktionsfläche werden Broschüren, Kataloge und Festeinbände hergestellt. Der Festeinbandbereich erwirtschaftet mittlerweile mehr als die Hälfte des Umsatzes.

DD: Wie schätzen Sie den Stand der Nutzung von JDF in der Weiterverarbeitung ein? Wie stark sind Weiterverarbeiter an der Vernetzung mittels JDF interessiert?
Arno M. Stein:  Wenn ich etwas zum aktuellen Stand von JDF sagen darf, dann betrifft das im Wesentlichen unser Unternehmen und unsere Erfahrungen beziehungsweise die wenigen Erfahrungen damit. Vor über zehn Jahren als Weg in die Zukunft gepriesen, haben wir mittlerweile das Gefühl, eigentlich kümmert sich so recht keiner mehr darum. Zwar sind die Maschinen der großen und mittleren Hersteller alle vernetzungsfähig, häufig jedoch sprechen sie untereinander verschiedene Sprachen. Auch glauben wir nicht, dass das Thema von den Maschinenherstellern mit der notwendigen Ernsthaftigkeit und Energie vorangetrieben wird. Für einen einstufigen Betrieb wie den unseren, der mit mehr als 300 Auftraggebern (Druckereien und Verlage) regelmäßig zusammenarbeitet, ist JDF kaum umsetzbar. Zu verschieden und zu wenig interessiert sind die Kunden. Als Beispiel für eine andere, viel einfachere Disziplin, unsere Erfahrung bei der Einführung von Barcodes auf Falzbogen. Über ein Jahr hat es gedauert, dies umzusetzen. Geglückt ist es lediglich mit zwei Druckereien, alle anderen zeigten überhaupt kein Interesse.

DD: Worin liegen die Probleme oder Hürden? Was könnte Ihrer Meinung nach zur Verbesserung
dieser Situation beitragen?
Stein:  Selbstverständlich würden wir uns freuen, JDF-Daten zu erhalten, um diese direkt in die Produktionsmaschinen übernehmen zu können. Was aber geschieht, wenn diese Daten falsch sind? Und da kommen wir eben sehr schnell in der Wirklichkeit an. Kennt doch jeder Buchbinder die Reaktion seines Kunden, wenn das Format falsch übermittelt oder sonst ein Fehler in der Auftragsbeschreibung ist: „Ja schaut denn da bei Euch nicht noch mal jemand drauf? Deshalb kommen wir doch gerade in einen Fachbetrieb wie den Euren!“ Aber das ist eben das Kreuz mit den Daten per JDF. Es schaut nachher keiner mehr drauf und wer übernimmt dann die Verantwortung bei einem Fehler in Erfassung oder Übermittlung? Die Buchbinderei wohl eher nicht.

Arno M. Stein ist Seniorgesellschafter und einer von drei Geschäftsführern der Buchbinderei Stein + Lehmann, Industriebuchbinder und Ingenieur, seit über 40 Jahren im Gewerbe.

DD: Welche Trends erkennen Sie für die Zukunft?
Stein: Sicherlich lassen sich in einem mehrstufigen Unternehmen solche Dinge viel besser und leichter umsetzen, als bei einem „Einzelkämpfer“ wie Stein+ Lehmann. Allerdings ist es auch nicht akzeptabel, dass JDF nicht so narrensicher, perfekt und bedienfreundlich gemacht wird, wie wir es heute von fast jedem Computerprogramm gewohnt sind. Mein Appell geht also an die Maschinenhersteller, ihre Hausaufgaben zu erledigen, die uns später allen zugutekommen können.

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