"Die Dinge werden erst real, wenn Sie auf Papier publiziert sind"

Frank Schirrmacher analysiert die Auswirkungen der Bildschirm-Lektüre auf den Menschen: „Es gibt derzeit keinerlei Indizien dafür, dass digitale Technologien irgendeinen Trainingseffekt auf das Gehirn ausüben.“

„Ich bin sicher, dass die FAZ noch mindestens 50 oder 60 Jahre auf Papier erscheinen wird“, sagte Frank Schirrmacher in seiner Keynote auf dem PrintCongress 2010. Und diese Ansicht sei kein einsames „Pfeifen im Walde“, vielmehr sieht der FAZ-Mitherausgeber eine echte und notwendige Gegenbewegung zur fortschreitenden Digitalisierung der Gesellschaft. Denn allein Print ist in der Lage, unser Gehirn angemessen zu „trainieren“.

Jeder von uns kennt das Problem zur Genüge: Sie sind in Ihre Arbeit vertieft, Sie kommen gut voran. Dann macht es Ping und Ihr Computer sagt: Sie haben Post. Sie schauen ins Mailprogramm, lesen die Mail. Sie beantworten sie „noch ganz schnell“, dabei fällt Ihnen ein, dass Sie „nur noch mal eben“ im Internet etwas nachschauen wollten. Außerdem müssen Sie die eben angekommene SMS noch lesen. Bis Sie wieder an die Arbeit gehen, sind gut und gerne 20 Minuten vorbei. Und dann sitzen Sie vor dem Bildschirm und fragen sich „Was zum Teufel wollte ich eigentlich gerade tun?“
Das Phänomen ist ein klassischer Fall von „Information Overload“ und ein eindrückliches Beispiel dafür, wie sehr digitale Medien mittlerweile unseren Alltag bestimmen. Und auch dafür, welche Folgen diese Tatsache hat.
FAZ-Mitherausgeber und Buchautor Frank Schirrmacher hat im Rahmen des PrintCongress 2010 deutlich herausgestellt, was künftig angesichts der zunehmenden Digitalisierung auf uns zukommen könnte – und konstatiert: Das Ende der „Gutenberg-Galaxie“ ist noch längst nicht erreicht.

 
Digitale Stammtische. Bisher ist alles anders gekommen als prognostiziert, stellt Schirrmacher fest und beruft sich auf den amerikanischen Harvard-Professor Cass R. Sunstein. Sunstein galt in den USA als eine Art „Digital-Guru“ und hat sich mit seinen Theorien über eine vollständig durchdigitalisierte, vernetzte und papierlose Gesellschaft bis zum Berater Barack Obamas geschrieben. In seinem neuesten Buch revidiert Sunstein all seine Thesen. So hatte er beispielsweise stets die Ansicht vertreten, dass durch die Vernetzung vieler unterschiedlicher Menschen auf digitalen Plattformen ein völlig neuer Wahrheitsbegriff entstünde. Das Gegenteil ist der Fall: „Wo immer Sie in beispielsweise Blogs schauen, haben Sie immer ganz einheitliche Gruppen. Da gibt es keine Quermeinungen.“ Der Vergleich mit dem Stammtisch liegt nahe: „Da holen Sie sich auch jemanden dazu, der zu Ihnen passt, aber jemanden, der stört, den wollen Sie nicht.“
Dieses Umdenken, diese Abkehr von der schönen, neuen digitalen Welt, wie sie in den USA gerade stattfindet, bedeutet laut Schirrmacher nicht, dass das Digitale wieder verschwindet – natürlich nicht. Aber, so seine Prognose, Print werde eine ganz neue Funktion in der Gesellschaft erhalten.

Information Overload. Das Szenario, das Schirrmacher von der digitalen Welt beschreibt, ist ernüchternd und zugleich erschreckend. Schaut man sich an, welche Auswirkung das Lesen auf digitalen Geräten auf die Menschen hat, so stellt man fest, dass man es dabei durchaus mit einer Art Revolution zu tun hat. Dementsprechend zieht Schirrmacher hierzu auch ein Beispiel aus der industriellen Revolution Ende des 19. Jahrhunderts heran. Damals sei erstmals ein Krankheitsbild aufgetreten mit dem Namen „Fatigue“ – zu Deutsch: Erschöpfung, neudeutsch: Burn-out. Auslöser für dieses Krankheitsbild waren offenbar schlicht Anpassungsschwierigkeiten der Menschen an die neue Arbeitsweise mit Maschinentechnik. „Das waren Leute vom Acker, die mit den zum Teil hochdifferenzierten Maschinen nicht zusammenarbeiten konnten.“ Die Lösung gestaltete sich aus heutiger Sicht simpel: Wer Anpassungsprobleme hat, muss entsprechend trainiert werden. Damals kam der Sportunterricht an Schulen auf, der „Dauerlauf“ etablierte sich, die Ernährung wurde der neuen Tätigkeit angepasst. Kurzum: Man versuchte, etwas zu ersetzen, das die Maschinen vom Menschen nahmen.
„Heute im 21. Jahrhundert“, so Frank Schirrmacher, „passiert genau das gleiche – nur dass es andere Muskeln betrifft.  Und der „Muskel“, den die digitalen Technologien veränderten – und zwar massiv – sei das Gehirn. Dieses reagiere beim Lesen an Bildschirmen ganz anders als beim Lesen auf Papier. Die Lektüre am Bildschirm – da zumeist auch gleichzeitig mehrere Programme geöffnet sind – sei immer Multitasking. Das eingangs beschriebene Beispiel aus dem Büroalltag macht das Problem, das daraus entsteht, mehr als deutlich.
Auch das Kurzzeitgedächtnis leidet in einer Welt dauernder Ablenkung: Während wir früher noch sieben Begriffe gleichzeitig im Kopf behalten konnten, sind es laut Schirrmacher heute im Schnitt nur noch drei. Mittlerweile sei in den USA bereits eine Task Force mit dem Titel „Information Overload“ aus Firmen wie Microsoft gebildet worden, die sich mit diesem Problem befassen soll.
„Wir müssen davon ausgehen, dass sich der Prozess immer weiter verstärkt“, prognostiziert Schirrmacher. Es gebe derzeit keinerlei Indizien dafür, dass digitale Technologien irgendeinen Trainingseffekt auf das Gehirn ausübten. Im Gegenteil: „Das Gehirn eines Menschen verändert sich innerhalb von zwei Wochen, wenn er das erste Mal Kontakt zu Computern hat“, so sein Warnruf.

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