Die Automatisierungswelle kommt

Interview mit Renz-Geschäftsführer Michael Schubert und Verkaufsleiter Manfred Vogler

Ein Treffen zum Interview bei der Chr. Renz GmbH in Heubach (von links): Matthias Siegel von der Grafischen Palette, Verkaufsleiter Manfred Vogler, Marion Schubert (Marketing und Pressearbeit) und Geschäftsführer Michael Schubert.

Die Renz-Unternehmensgruppe beschäftigt weltweit insgesamt 220 Mitarbeiter, davon 130 in der Firmenzentrale Heubach. Geleitet wird die Unternehmensgruppe seit 2014 durch die beiden Geschäftsführer Michael Schubert und Raphael Barth.

Renz ist einer der Hidden Champions der deutschen Industrie. Das Unternehmen beliefert in erster Linie die grafische Industrie im Nischenmarkt Drahtkammbindung mit Verbrauchsmaterialien und Verarbeitungsmaschinen, darüber hinaus gibt es auch zahlreiche Produkte für die Anwendung im Büro. Vor zwei Jahren sind die Geschäftsfelder „Protective Equipment“ (Produkte für Innenraum-Luftqualität, persönliche Schutzausrüstug sowie Hygiene & Desinfektion) und „Power2Car“ (Wallboxen) samt Fertigung und Vertrieb hinzugekommen.

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Grafische Palette: In welche Richtung entwickeln sich aus Ihrer Sicht die Druckdienstleister? Welche Veränderungen nehmen Sie innerhalb Ihrer Kundenstruktur wahr?

Michael Schubert: Da ist zum einen der anhaltende Trend zur Spezialisierung. Man besinnt sich auf seine Stärken und positioniert das Unternehmen entsprechend am Markt. Ein weiterer sehr dynamischer Prozess ist die Rückholung outgesourcter Wertschöpfung, was aber auch seine „Schattenseiten“ hat. Denn es führt zwangsläufig zu Arbeitsplatzverlusten bei den externen Dienstleistern bis hin zu Betriebsschließungen. Und diese Arbeitsplätze werden nicht zwangsläufig an anderer Stelle wieder aufgebaut.

Grafische Palette: Corona hat viele Betriebe in Bedrängnis gebracht – und vermutlich viele Investitionsvorhaben erst einmal auf Eis gelegt. Eine gute Idee?

Michael Schubert: Da gibt es im Grunde genommen keine Unterschiede zwischen der Vor-Corona-Zeit und heute. Wenn ein Unternehmen über keine finanziellen Ressourcen verfügt, kann es auch nicht investieren. Aber eines ist richtig: Die Investitionstätigkeit hat seit Beginn der Pandemie branchenweit stark gelitten. Und bis sich das wieder auf Vor-Corona-Niveau einpendelt, wird es noch lange dauern.

Grafische Palette: Wie schätzen Sie das Investitionsverhalten der Druckereien generell ein?

Manfred Vogler: Hier gilt im Grunde das gleiche wie bei den zurückgestellten Investitionsvorhaben während der Pandemie. Aber lassen Sie uns auf eine bisher noch nicht allzu sehr im Branchenfokus stehende Entwicklung kommen, die zwangsläufig mit hohen Investitionen verbunden sein wird: Während der Pandemie haben viele Beschäftigte, gerade auch aus der Produktion, die Branche verlassen. Diese Mitarbeiter fehlen jetzt. Sie haben sich neue Arbeitsplätze gesucht und kommen in den meisten Fällen nicht zurück. Kurzum: Die Unternehmen müssen und werden in Automatisationslösungen investieren! Ansonsten werden sie ihre Zukunftsfähigkeit verlieren.

Grafische Palette: Auch wenn es noch viel aufzuholen gibt, wird die Druckweiterverarbeitung zunehmend zum integralen Bestandteil des Produktionsprozesses, der in der Druckerei stattfindet. Was heißt das für klassische einstufige Unternehmen? Wie können sich diese Betriebe behaupten?

Michael Schubert: Die Druckdienstleiter holen sich verstärkt die Wertschöpfung zurück ins Unternehmen und entziehen damit dem externen Druckweiterverarbeiter Aufträge, was in Summe zu einer Existenzgefährdung einzelner Betriebe führen kann. Es gibt aber auch Beispiele für Druckweiterverarbeiter, die dies als Chance erkannt und sich extrem stark spezialisiert haben. Beispielsweise gibt es viele Aufträge für Kalender, die in ganz Deutschland verteilt gedruckt werden. Darunter viele kleine und mittelgroße Auflagen. Wenn nun ein Drucker eine Auflage von zum Beispiel 30.000 Kalendern erhält, dann wird er in den seltensten Fällen dafür in eigene Weiterverarbeitungstechniken investieren. Er sucht sich also am Markt einen Partner, der das für ihn als Dienstleister übernimmt. So können auch einstufige Unternehmen mit einem entsprechenden Partner durchaus erfolgreich sein. Beispiele dafür finden sich überall in Deutschland.

Grafische Palette: Welche Ansprüche sind heute typisch für Ihre Kunden? Sonderlösungen anstatt Standardmaschinen?

Manfred Vogler: Derzeit werden ungefähr 40 Prozent der „Inline-500-Baureihe“ mit vom Standard abweichenden Zusatzfunktionen ausgeliefert. Darüber hinaus sind wir auch im Sondermaschinenbau unterwegs und projektieren und bauen maßgeschneiderte Anlagen. Oftmals auch gemeinsam mit Partnern für die Integration vor- und nachgelagerter Prozesse.

Grafische Palette: Bieten die Entwicklungen im Digitaldruck und bei der Inline-Weiterverarbeitung für Sie interessante Perspektiven?

Manfred Vogler: Ganz eindeutig ja. Wir haben in diesem Jahr mit der Auslieferung der ersten Kalenderbindeautomaten begonnen. Mit ihnen werden digital gedruckte Kalender vollautomatisch vom Druck bis zum fertigen Kalender hergestellt.

Grafische Palette: Im Finishing verlagern sich die Anforderungen mehr und mehr auf flexible Lösungen für kleine Auflagen mit schnellen Rüstzeiten. Wie reagieren Sie darauf?

Michael Schubert: Diese Entwicklung haben wir bereits vor Jahren aufgegriffen und mit der „Inline-500-Baureihe“ ein Maschinenkonzept entwickelt, das die Rüstzeit von durchschnittlich 45 auf vier Minuten verkürzt hat. Das ist eines der Alleinstellungsmerkmale, die auch nach über 20 Jahren keiner unserer Wettbewerber auch nur annähernd erfüllen kann.

Grafische Palette: Wo liegen Ihrer Meinung nach die wichtigsten Trends und Herausforderungen in der Branche und was bedeutet das für Ihre Entwicklungen in der Zukunft?

Michael Schubert: Wir werden in den kommenden Jahren insbesondere in der Weiterverarbeitung eine regelrechte Automatisierungswelle der Produktionsprozesse erleben. Das ist die logische Antwort auf den Arbeitskräftemangel, auf den sich die Branche dauerhaft wird einstellen müssen. Für uns bedeutet das konkret, dass wir den eingeschlagenen Weg zur Automatisierung der Produktionsprozesse konsequent weiter verfolgen, um auch in der Zukunft unsere Technologieführerschaft weiter auszubauen.

Grafische Palette: Welche technologischen Anforderungen wollen Sie gemeinsam mit Ihren Kunden in Angriff nehmen?

Michael Schubert: Wir forcieren Automatisationslösungen über alle Prozessschritte hinweg und geben damit unseren Kunden eines der Werkzeuge an die Hand, um sich im Markt behaupten zu können.

Kontakt:

Renz
www.renz.com