Menschen in der Druckindustrie: Ijad Nestler

Mit den Aufgaben ganz nach oben gewachsen

Saxoprint-Betriebsleiter Ijad Nestler
Der Saxoprint-Betriebsleiter Ijad Nestler. (Bild: Saxoprint GmbH (Mario Koch))


Der berufliche Werdegang von Ijad Nestler ist eine klassische Aufsteigerkarriere von der Realschule innerhalb kürzester Zeit bis ins Top-Management eines der großen deutschen Onlinedrucker. Fleiß, Lernfähigkeit und ein „offenes Mindset“ waren hierfür entscheidend, so Nestler. Doch der gelernte Offsetdrucker ist auch ein blendender Kommunikator und absoluter Teamplayer.

 

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Der Durchstarter bei Saxoprint

 

print.de: Hallo Herr Nestler. Wollen Sie sich all jenen, die Sie vielleicht noch nicht kennen sollten, bitte kurz vorstellen?

Ijad Nestler: Ja klar, mein Name ist Ijad Nestler, ich bin 37 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Kinder mit acht und elf Jahren. Wir leben in Dresden, wo ich auch geboren bin, und ich arbeite als angestellter Betriebsleiter bei der Online-Druckerei Saxoprint. Meine Mutter ist Deutsche und mein Vater wanderte damals mit einem Studiums-Stipendium aus Syrien in die DDR ein, wo sich die beiden dann kennenlernten. Die DDR und Syrien pflegten in den 70er/80er-Jahren enge Kontakte.

 

print.de: Erinnern Sie sich noch an Ihren allerersten Berührungspunkt mit der Druckindustrie?

Ijad Nestler: Mein Opa hat in der hauseigenen Druckerei der Lebenshilfe Dresden gearbeitet. Da war ich als kleiner Junge völlig fasziniert von dieser „riesigen“ Druckmaschine, einem alten Heidelberg Cylinder, an dem sich ständig eine große Trommel drehte, vorne einzelne Bogen von einer Saugerleiste gegriffen wurden und hinten dann irgendwelche Druckprodukte rauskamen, die man anfassen und bewundern konnte. Überall hat es gepustet und gepfiffen, toll. Später, als 14-Jähriger, habe ich dort dann auch in den Ferien in Weiterverarbeitung und Versand gejobbt. Mein Opa war mit Leib und Seele Verfechter der schwarzen Kunst und hatte später auch ziemlich großen Einfluss auf meine Berufswahl. Ich wurde also nicht Polizist, wie ich es mir als Kind eigentlich immer gewünscht habe.

Druckindustrie: We love Print!

 

print.de: Und wie ging es dann weiter?

Ijad Nestler: Nach der Realschule, mit 16 Jahren, war ich wie viele andere auch ziemlich ahnungslos, was ich einmal beruflich machen sollte. Heute würde man vermutlich sagen, ich war „lost“. Zumal die wirtschaftlichen Zeiten zur Jahrtausendwende im Osten ziemlich schwierig waren. Die Familie riet mir zu einem soliden Handwerksberuf − und der Buchdrucker in unserer Familie hat mich sanft in die richtige Richtung gelenkt. Ich habe dann unzählige Bewerbungen geschrieben und nach einem zweitägigen Assessment-Center einen Ausbildungsplatz zum Offsetdrucker im Druckhaus Dresden erhalten, damals unter der Leitung von Karl Nolle. Es war eine anspruchsvolle, lehrreiche Ausbildungszeit in einem Dreischichtbetrieb mit relativ gutem Abschluss. Danach habe ich dort ein Jahr lang als Geselle weitergearbeitet, wollte mich aber weiterentwickeln und nicht ein Berufsleben lang im Schichtbetrieb an der Maschine stehen.

In Absprache mit Karl Nolle hängte ich aber noch ein weiteres Gesellenjahr dran, um dann, immer noch ziemlich jung, mit zwei Berufsjahren Erfahrung die Möglichkeit zu erhalten, nebenberuflich den Industriemeister Digital- und Printmedien zu machen. Nach Umstrukturierungen im Druckhaus wurde mir dann die Stelle des Druckereileiters angeboten, eine ziemliche Herausforderung, da ich gerade erst Mitte 20 und plötzlich all den gestandenen Druckern, bei denen ich gelernt hatte, vorgesetzt war und auch die Schichtplanung verantwortete. Aber die Kollegen haben mich total unterstützt, ich habe wirklich unheimlich viel gelernt und bin mit meinen Aufgaben gewachsen. Das gilt wohl irgendwie für meine gesamte Karriere.

 

print.de: Und wie sind Sie dann zu Saxoprint und ins mittlere bzw. Top-Management gekommen?

Ijad Nestler: Das ist eine längere Geschichte, da muss ich etwas ausholen. Mit dem Ausscheiden von Karl Nolle aus dem Unternehmen veränderte sich die Gesellschafterstruktur und auch die Ausrichtung des Druckhauses Dresden in unternehmerisch schwierigen Zeiten. Wir wuchsen im Umsatz − und ich übernahm zusätzlich die Leitung der Buchbinderei und später die Leitung der Gesamtproduktion. Doch der Betrieb geriet in Schieflage und musste Anfang 2013 Insolvenz in Eigenverwaltung anmelden. Mit Schuldenschnitt und Investoren sollte die Druckerei dann saniert werden. Überraschenderweise wurde ich als Führungskraft von der Belegschaft ausgewählt, dabei als Arbeitnehmervertreter dem Gläubigerausschuss beizusitzen. Das Vertrauen in mich war groß, da hat im Team menschlich einfach alles gepasst. Ich habe mich im Ausschuss dann sehr stark für den Fortbestand der Firma eingesetzt, es wurde tatsächlich ein Investor gefunden, der aber nur einsteigen wollte, wenn ich an Bord bliebe und als angestellter Geschäftsführer dabei eine tragende Rolle übernehme.

Wir haben dann aus der Insolvenz heraus eine GmbH gegründet und das Unternehmen etwas kleiner mit noch rund 50 Mitarbeitern im Drei- und Zweischichtbetrieb erfolgreich weitergeführt, bis es dann zwei Jahre später zu Interessenskonflikten zwischen dem Eigentümer und mir als Geschäftsführer und Herzblutdrucker kam. Das war eine harte und auch etwas ernüchternde Zeit, 2015, in der ich aber auch Klaus Sauer, den Geschäftsführer von Saxoprint kennenlernte. Kurze Zeit später gab es bei Saxo einen Maschinenausfall und wir vom Druckhaus haben da auf Anfrage natürlich mit der Übernahme von drei bis vier Schichten ausgeholfen. So kam ich erneut mit Klaus Sauer ins Gespräch, der mich dann fragte, ob ich mir nicht vorstellen könnte, für Saxoprint zu arbeiten, er brauche gute junge Leute, die Verantwortung tragen wollen. Ich habe das dann mit meiner Familie besprochen und aus einer inneren Verpflichtung heraus auch den Druckhaus-Mitarbeitern mitgeteilt, dass es intern bei uns in der Führung einen Interessenskonflikt gäbe, ich dem Druckbusiness treu bleiben wolle und sich bei Saxoprint gerade eine Tür für mich öffnen würde.

 

„Ein bis zwei Mal im Jahr arbeiten wir aus dem
Managementkreis eine komplette Schichtwoche in der
Produktion mit. Da kommt man noch mal ganz anders mit
den Kollegen ins Gespräch und entwickelt ein Verständnis
für die wahren Pain Points im Prozess.“

 

So bin ich 2016 zusammen mit einigen anderen Druckhaus-Mitarbeitern zu Saxoprint gewechselt − in ein neues Aufgabengebiet als Bereichsleiter Druckweiterverarbeitung und in das für mich ebenfalls neue Geschäftsfeld 24/7-Massenfertigung. Da waren plötzlich viel mehr Möglichkeiten da, da wurde mit großen Summen wirklich in die Zukunft investiert. Wir haben uns dann toll entwickelt, ich konnte weiter mit den Aufgaben wachsen. 2020 wechselte ich ausgerechnet mit Beginn der Corona-Krise in den Vertrieb. Dort haben wir die Pandemie, die bei uns große Löcher gerissen hat und in der wir viel Lehrgeld bezahlen mussten, aber dazu genutzt, uns strategisch neu aufzustellen, den internationalen Expansionskurs etwas einzudampfen und uns wieder mehr auf den deutschen Markt zu fokussieren. Das hat nach Beenden der Lockdowns zu massivem Wachstum geführt und ich konnte mich bis ins Top-Management weiterentwickeln, habe immer mehr Aufgaben übernommen. Heute bin ich Betriebsleiter bei Saxoprint und gesamtverantwortlich für alle Prozesse − vom Auftragseingang bis hin zum Versand, inklusive Produktion, Vertrieb und Marketing. Ich habe viel gearbeitet, viel Herzblut in die Aufgabe reingesteckt und ein tolles Team aufgebaut und bin wirklich sehr dankbar für die tollen Möglichkeiten, die mir das Unternehmen gegeben hat.

 

print.de: Was hat Sie bis heute angetrieben, diesen Weg zu gehen? Und wenn Sie einen jungen Menschen für die Druckindustrie begeistern wollen, was würden Sie ihm sagen?

Ijad Nestler: Ich bin ein totaler Verfechter der Devise: Arbeit muss Spaß machen und Leistung muss sich lohnen! Meinen Söhnen sage ich immer: „Für was auch immer ihr euch begeistert: Wenn ihr stets dazu bereit seid, etwas zu leisten, einen Schritt mehr zu gehen als die anderen, immer offen zu sein, auf Menschen zuzugehen und über den Tellerrand hinauszublicken, dann könnt ihr überall hineinwachsen, überall in Deutschland Karriere machen − egal ob als Fachexperte oder als Führungskraft.“ Und man muss, und das ist glaube ich meine größte Stärke, um sich herum ein Team von Gleichgesinnten aufbauen, das ebenfalls etwas bewegen will, und jedes Mitglied diese Teams bestmöglich fördern und niemals neidisch auf dessen Skills sein. Ein solches offenes Mindset und das Zusammengehörigkeitsgefühl machen einen „breiten Rücken“, selbst für schwierigste Herausforderungen.

 

print.de: Was bedeutet Print für Sie persönlich? Handwerk, Hightech oder Leidenschaft?

Ijad Nestler: Leidenschaft sowieso. Aber mit Blick durch meine Saxoprint-Brille ist Print natürlich absolutes Hightech! Insbesondere, wenn man es mit dem alten Cylinder vergleicht. Wie hochautomatisiert da inzwischen in rasender Geschwindigkeit gedruckt, lackiert, geschlitzt, veredelt wird, das ist schon atemberaubend. Wir haben Duftlacke, Sicherheitsfarben, drucken Elektronik und unsichtbare Wasserzeichen. Druck hat weiterhin ganz klar seine Daseinsberechtigung, auch in Zukunft, ist Eyecatcher in der Werbung und auch ein wichtiges Element zur Außendarstellung.

Betriebsleiter Ijad Nestler moderiert eine Besucherführung durch die Saxoprint-Produktion
Ijad Nestler moderiert eine Besucherführung durch die Saxoprint-Produktion. (Bild: Saxoprint GmbH)

 

print.de: Gibt es eine technische Entwicklung in den letzten Jahren, die Sie nachdrücklich beeindruckt hat?

Ijad Nestler: Auch wenn ich allein aus meiner Historie heraus natürlich ein Fan des Offsetdrucks bin, muss ich schon sagen: Was inzwischen im Digitaldruck, vor allem im Inkjet-Direktdruck, an Druckqualität, Outputleistung und Individualisierung möglich ist, ist schon der Wahnsinn. Und das über alle Herstellergrenzen hinweg. Wenn diese Entwicklung weiter so steil nach oben geht, habe ich keinerlei Zweifel, dass dies mittelfristig das Druckverfahren der Zukunft sein wird.

 

print.de: Wie würden Sie Ihre Führungsphilosophie in wenigen Worten beschreiben und was ist Ihnen in diesem Bereich besonders wichtig?

Ijad Nestler: Ehrlichkeit und Transparenz sind hier die zentralen Schlagwörter. In einer Druckerei geht immer mal etwas schief. Gerade als Führungskraft ist da offene Kommunikation besonders wichtig, wenn man die Prozesse langfristig verbessern will. Ich glaube übrigens auch, dass man nur ernst genommen wird, wenn die Mitarbeiter das Gefühl haben können: „Der Nestler, der steht zu seinem Wort“. Klar muss am Ende des Tages jemand die Entscheidungen treffen, aber dieses selbstdarstellerische Führen „Top-Down“ ist doch längst nicht mehr zeitgemäß. Führung funktioniert nur auf Augenhöhe, wenn man sich als Team sieht.

 

„Dieses Führen ,Top-Down‘ ist längst nicht mehr zeitgemäß,
das ist doch keine One-Man-Show hier. Wir haben
so viele
starke, kluge Köpfe, die das Herz am rechten Fleck haben
und für Print brennen.“

 

print.de: Mit welchen drei Worten würde Ihr Team Sie wohl beschreiben?

Ijad Nestler: Führungsstark, ehrlich und authentisch. Zumindest hoffe ich das.

 

print.de: Was war die bisher schwierigste Entscheidung Ihrer Karriere?

Ijad Nestler: Das war schon die Entscheidung, als angestellter Geschäftsführer einer kleinen herkömmlichen Druckerei aufzuhören und dann in einer industriellen Großdruckerei in einem Aufgabengebiet leitend einzusteigen, für das ich kein einhundertprozentiger Fachmann bin. Die Herausforderung war einfach riesig. Ein kleines Beispiel, damit man sich das besser vorstellen kann: Im Druckhaus Dresden hatten wir Papier natürlich immer auftragsbezogen bestellt − und plötzlich war ich in einer Druckerei gelandet, in der im 7er-Format gedruckt wurde und auf einer Sammelform 300 Aufträge nebeneinander platziert waren …

 

print.de: Wie gehen Sie mit Druck (im doppelten Wortsinn) im Arbeitsalltag um und was sind Ihre Ausgleichsmechanismen?

Ijad Nestler: Ich wäre gerne öfters mal cooler, bin aber eher emotional, immer Feuer und Flamme und habe einen sehr hohen Anspruch an mich selbst. Zuletzt habe ich aber gelernt, Dinge gelassener zu sehen. Gerade, wenn man gemeinsam diskutiert über die künftige Ausrichtung des Unternehmens oder über Zukunftstechnolgien. Man kann seine Ideen nicht immer durchsetzen. Ich weiß aber, und vertraue auch darauf, dass auch die anderen Ideen von unseren echt klugen Entscheidern funktionieren werden. Die Diskussionen bei uns sind ja nie persönlich, sondern es geht immer um die Sache. Gleiches gilt im Übrigen auch für die Belegschaft: Ich habe Vertrauen in die Leute, kann Dinge delegieren, denn letztlich sind das doch die Fachkräfte an den Maschinen und nicht ich!

Ein großer Ausgleich zur Arbeit ist für mich mein Familienleben und der Sport. Ich bin fit, treibe sehr viel Sport, fahre Fahrrad und bin öfters im Fitnesstudio. In meiner Jugend habe ich Kunstturnen auf Leistungssport-Niveau betrieben.

Höchste Prozesseffizienz beim Schneiden durch Robotereinsatz: Saxoprint will stets Vorreiter sein
Höchste Prozesseffizienz beim Schneiden durch Robotereinsatz: Saxoprint will stets Vorreiter sein. (Bild: Saxoprint GmbH)

 

print.de: Wenn Sie einen Fehler heute rückgängig machen könnten, welcher wäre das und was würden Sie anders machen?

Ijad Nestler: Ich habe sicherlich viele Fehler gemacht in meiner Karriere. Einen davon nehme ich immer her zur „Belustigung“ der Neu-Azubis als Anekdote bei meiner Ansprache zu deren Ausbildungsstart. Da berichte ich dann immer von meiner zweiten Lehrwoche, als am Montagmorgen um sechs Uhr die Druckmaschinen gerüstet wurden und es meine Aufgabe war, die Farben aus den Dosen in die Farbwerke der Achtfarben zu löffeln. Beim Andruck schrie der Maschinenführer dann plötzlich wutentbrannt herum, ob ich denn noch bei Sinnen wäre. Ich hatte glatt vergessen, die Keile im Farbkasten einzubauen − und so lief die Farbe unkontrolliert in die Maschine und hat alle Zapfen, alle Walzen, schlichtweg alles total verdreckt. Mir war das so peinlich, den Fehler hab ich nie wieder gemacht. Ich sage den Neu-Azubis dann immer: Kann alles passieren, halb so schlimm, solange man daraus lernt. Dann wird die Maschine einfach wieder sauber gemacht, ihr steht da zwei Stunden bis an die Ellenbogen im Dreck, aber dann ist auch wieder gut!

Natürlich gab es auch Managementfehler, zum Beispiel dass man schon mal in eine Maschine investiert hat und sich im Nachhinein ehrlich eingestehen musste, dass beim Vergleich der ROI-Rechnungen das Einsparpotenzial bzw. die Effizienzsteigerung nicht oder nur zu einem kleinen Teil eingetreten ist. Ich sage dann immer: Trifft man zehn solche Entscheidungen, geht eine schief. Da hilft nur: Mund abwischen, weitermachen und daraus lernen.

 

print.de: Welches Vorurteil gegenüber der Druckbranche verärgert Sie am meisten?

Ijad Nestler: Es ärgert mich wirklich maßlos, wenn ich im beruflichen Alltag aus anderen Branchen hören muss, dass wir die größten Umweltverschmutzer seien. Dieses Vorurteil finde ich ganz furchtbar. Ausgerechnet gegenüber einer Branche, die inzwischen derart nachhaltig ist, in der man zertifizierte Papiere bestellen, den CO2-Fußabdruck ausgleichen und den Versand mit GoGreen ebenfalls CO2-neutral gestalten kann. Wir haben nachhaltige, deinkte Recyclingpapiere und die ganze Papier- und Zellstoffindustrie ist ein geschlossenes Kreislaufsystem, entnommene Bäume werden rekultiviert. Es ist schon enorm, wie viel Argumentationsarbeit ich da immer leisten muss, um die deutlich schlechtere Ökobilanz der digitalen Medien aufzuzeigen.

 

print.de: Wie gehen Sie mit Mitarbeitern um, die festgefahrene Arbeitsweisen verteidigen, auch wenn sich Technologien und Prozesse längst weiterenwickelt haben?

Ijad Nestler: Das geht bei Saxoprint einfach nicht. Wir wollen und müssen effizient bleiben und stets das State-of-the-Art-Geschäftsmodell haben. Wenn wir zu lange an alten Sachen festhalten, werden wir abgehängt. Das muss man verinnerlichen, wenn man mit mir zusammenarbeiten oder ganz allgemein bei uns arbeiten will. Für mich ist das aber immer auch eine Frage, wie man die Mitarbeiter da kommunikativ mitnimmt. Auch schon im Vorfeld bei der Entscheidung für bestimmte Technologien. Hier gilt es, die Verbesserungen für den eigenen Arbeitsplatz konsequent aufzuzeigen, ebenso wie die Fehlerquellen, die man mit einem neuen Prozess ausmerzen könnte. Beispielsweise jetzt auch mit dem Thema KI, bei dem wir Standardanfragen von Kunden inzwischen automatisiert per Chatbot beantworten (im Second-Level-Support), oder in der Vorstufe eine KI einsetzen, die die Aufträge poolt und eine offene Sammelform baut. Und wir ersetzen gerade in der Palettenlogistik schrittweise die Handzettel an den Paletten durch eine Art „Scannerdusche“, die Bögen einscannt, Paletten Aufträgen zuordnet und digital navigieren hilft. Ein Projekt zusammen mit Siemens.

Bei all dem, übrigens auch beim Thema Einsatz von Robotersystemen/Cobots (zum Beispiel im Bereich Papierschneiden), binden wir unsere Mitarbeiter kommunikativ früh ein. Wir haben hier auch noch nie jemandem betriebsbedingt gekündigt, die Jobs entwickeln sich einfach nur fließend weiter oder es tun sich an anderen Stellen neue Funktionen für Mitarbeiter auf. Natürlich ist das ein sensibles Thema, Stichwort: sichere Arbeitsplätze. Aber bei uns haben das alle Mitarbeiter verinnerlicht, dass fortlaufende Hochautomatisierung Teil des Geschäftsmodells ist, welches unter dem Strich die Arbeitsplätze sichert. Auch für die Führungsebene ist das Ganze ein Nummer-1-Thema, denn an gute neue Arbeitskräfte kommt man heutzutage auch nicht mehr so einfach ran, Stichwort Fachkräftemangel.

Macht auch sportlich eine gute Figur: Saxoprint-Betriebsleiter Ijad Nestler
Macht auch sportlich eine gute Figur: Saxoprint-Betriebsleiter Ijad Nestler. (Bild: Saxoprint GmbH)

 

print.de: Wie hat sich Ihr Blick auf die Druckindustrie in den letzten Jahren verändert?

Ijad Nestler: Der Druck auf die Unternehmen ist höher denn je, es gibt große Überkapazitäten am Markt. Viele bekannte Namen sind dem inzwischen schon zum Opfer gefallen. Und wir haben mehr Konkurrenz durch die digitalen Medien. Trotzdem glaube ich, dass der Markt immer noch groß genug ist und man sich in diesem Haifischbecken weiter behaupten kann, vor allem, wenn man enger zusammenarbeitet und nicht mehr wie früher sein Süppchen allein im stillen Kämmerlein kocht. Und da beobachte ich bei der jüngeren Generation, die jetzt in Verantwortung kommt, deutlich mehr Aufgeschlossenheit. Da wird überlegt, was man zusammen machen könnte. Was produzierst du denn für ein Produkt? Wie könntest du mein Produkt für den Kunden veredeln oder aufwerten? Welche Märkte könnten wir gemeinsam erschließen? Da spürt man gerade einen deutlichen Wandel.

 

print.de: Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich heute raten, wenn Sie Ihre Karriere noch einmal beginnen könnten?

Ijad Nestler: Ruhe und Gelassenheit. Einen Schritt nach dem anderen machen und nie zwei auf einmal machen wollen. Den Älteren, den Erfahreneren zuhören und stets Informationen aufsaugen. Zudem bin ich ja eh ein Verfechter des lebenslangen Lernens, insofern: Am Ball bleiben und immer dazulernen.

 

print.de: Warum hat die Druckindustrie ein Image-, Vermarktungs- und Nachwuchsproblem, Herr Nestler?

Ijad Nestler: Weil die Branche mit ihren Patriarchen in den 90er-Jahren Unmengen an Geld verdient und gedacht hat, bereits hochtechnologisch unterwegs zu sein − und dann hochmütig das Internet, Onlineshops und den Online-Vertrieb von Druckprodukten verschlafen und branchenfremden Externen überlassen hat. Und dann wurden diese Entwicklung und die Onlinedrucker auch noch verteufelt („die bösen Onliner mit ihren neuen Ideen“), anstatt zu partizipieren.

 

Du brauchst heutzutage ein offenes Mindset, Patriarchentum
ist völlig passé. Mit den Jüngeren in der Branche findet viel
mehr Netzwerken über eigene Druckereigrenzen hinaus statt –
und das eröffnet der Gesamtbranche deutlich mehr
Möglichkeiten, für Kunden attraktiv zu sein.“

 

Dieses Imageproblem der Altbackenheit, das man sich selbst geschaufelt hat, muss man nun mühsam wieder aufbrechen. Mit einem frischen Mindset gilt es nun zu modernisieren, den Kunden zu zeigen, wie hochtechnologisch Druck ist, was inzwischen alles möglich ist und wie vielfältig und günstig Druck heute sein kann. Printprodukte in der Hand zu halten oder im Großformat wahrzunehmen, ist ein haptisches und/oder visuelles Erlebnis, von tollen Verpackungen ganz zu schweigen. Das muss so in der Breite kommuniziert und offen, optimistisch und authentisch aufgezeigt werden. Dies könnte dann sozusagen zu einem „Unboxing“-Moment für die Druckindustrie werden. Dann klappt das auch wieder mit dem Nachwuchs.

 

print.de: Was sind Ihre Zukunftspläne, beruflich wie privat?

Ijad Nestler: Privat fühle ich mich mit und bei meiner tollen Familie bestens aufgehoben. Ich hoffe, dass wir alle gesund bleiben und als Familie weiter wachsen. Beruflich fühle ich mich hier bei Saxoprint auf Top-Management-Ebene ebenfalls wohl, ich habe total viele Freiheiten, es gibt ein großes Investitionsbudget, über das ich verfügen darf − das ist großartig und macht wirklich viel Spaß. Perspektivisch sehe ich meine berufliche Zukunft klar im Management − und weiterhin in der Druckbranche, weil ich grundsätzlich einfach überzeugt bin von Printprodukten − und bei Saxoprint, da wir als Firma stark aufgestellt sind und ich gleichzeitig noch Potential für die Zukunft sehe.

 

print.de: Vielen Dank für das Gespräch.

 

IJAD NESTLER

ist Betriebsleiter bei der rund 540 Mitarbeiter starken Online-Druckerei Saxoprint in Dresden, einer Tochter der Cewe-Gruppe. Dort ist er seit zehn Monaten gesamtverantwortlich für sämtliche Prozesse − vom Auftragseingang bis hin zum Versand (einschließlich Produktion und Marketing). Nestler berichtet in seiner Funktion an Saxoprint-Geschäftsführer Klaus Sauer sowie an den gesamten Cewe-Vorstand.

 


Das Porträt von Ijad Nestler gehört zu einer Reihe von Interviews und Geschichten über „Menschen in der Druckindustrie“.
Reportagen über weitere Menschen, deren Herz heftig für Print schlägt, finden Sie in Ausgabe 16/2025 von Deutscher Drucker. Die gesamte Ausgabe steht im print.de-Shop zur Verfügung.

 

 

Deutscher Drucker 16/2025

Schwerpunkt: Large Format Printing +++ Großformatdruck +++ Digitaldruck +++ Menschen in der Druckindustrie +++ Druckweiterverarbeitung +++

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