Kommentar von Dr. Martin Delp über Ressourceneffizienz

Nachhaltigkeit verursacht zuerst einmal Aufwand

Prof. Dr. Martin Delp(Bild: Mokry)

Die Notwendigkeit einer optimierten Produktion kennt jede Druckerei. Und dabei hat sie viele Optimierungsziele im Auge zu behalten: gute Farbwiedergabe, stabile Prozesse, kurze Durchlaufzeiten, minimierte Maschinen-Belegungszeiten, niedrige Lagerbestände, hohe Produktivität und vieles mehr. Neben der Qualität geht es dabei vor allem um Kosten. In den letzten Monaten sind zwei andere Aspekte in den Fokus gerückt: zuerst die Verfügbarkeit von Papier, nun auch die Verfügbarkeit von Energie.

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Und in einer Marktwirtschaft führt Knappheit umgehend zu höheren Preisen. Das ist schmerzhaft für alle Druckunternehmen, die als verlässliche Dienstleister die Lieferfähigkeit zu angemessenen Preisen sicherstellen wollen. Ähnlich geht es den Printbuyern, die ihre Projekte terminlich und budgetmäßig anpassen müssen. Hohe Kosten, lange Lieferzeiten, schlechte Planbarkeit – eine wahrhaft herausfordernde Situation.

Wer bereits Erfahrung mit Methoden der Produktionsoptimierung gemacht hat, kann diese Erfahrung nun übertragen, um die knappen Ressourcen gut zu nutzen. Die Methoden des Lean Management wie fehlerarme Prozesse, Vermeidung von Verschwendung, KVP, Visualisierung und Mitarbeiterorientierung verfolgen häufig explizit das Ziel der Ressourceneffizienz oder sind kurzfristig auf dieses Ziel anpassbar. Und dieser Ansatz lohnt sich über die aktuelle Situation hinaus, denn Material und Energie waren immer wichtig und werden wichtig bleiben, denn auf dem Weg zur Klimaneutralität müssen alle Unternehmen den CO2-Abdruck ihrer Ressourcen minimieren.

Wenn Sie als Unternehmen bereits angefangen haben und beispielsweise Ihre Prozesse schlank gestaltet haben, fossile Energieträger durch Photovoltaik ersetzt haben oder nachhaltige Materialien verarbeiten, die Lagerhaltung optimiert haben und die Makulatur reduziert haben, können Sie sich freuen, denn diese Maßnahmen werden sich nun noch schneller amortisieren.

Wenn Sie hingegen noch am Anfang stehen, können Sie bei Ihren Kunden nun eher Akzeptanz für die notwendigen Nachhaltigkeits-Aufwendungen erwarten – wenn Sie nicht sogar aktiv danach gefragt werden. Die Erwartungen und das Verständnis für diese Fragen wächst, denn alle wissen, dass Nachhaltigkeit für die Verbraucher wichtig ist und sie verstehen, dass Nachhaltigkeit anfangs mehr Aufwand verursacht als schlichte CO2-Kompensationen.

Die Zeit drängt bis zum anvisierten Jahr der Klimaneutralität 2045. Die einfach umsetzbaren Maßnahmen sind schon realisiert, die verbleibenden Optionen sind komplexer und müssen auch noch deutlich schneller als bisher umgesetzt werden. Immerhin mangelt es nicht an fundierten Informationen und Angeboten, das Thema wird seit langem branchenübergreifend bearbeitet.

Der Aufwand lohnt sich, denn mit dem Ziel der Ressourceneffizienz kann man mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen:
• Die Material- und Energie-Kosten senken;
• den CO2-Abdruck verringern,
• die Erwartungen der Kunden erfüllen, die selbst unter Druck stehen und
• das Image verbessern – als Dienstleister und Arbeitgeber.
Ressourceneffizienz ist aufwendig, aber die Kosten des Nicht-Handelns würden höher sein, sowohl für jeden Einzelnen als auch für die gesamte Volkswirtschaft.


Prof. Dr. Martin Delp vertritt im Studiengang Druck- und Medientechnik an der Hochschule München das Lehrgebiet Prozessoptimierung. Nach einer Lehre als Drucker studierte er Maschinenbau an der TU München und promovierte an der Universität Stuttgart im Bereich der Referenzmodellierung. Vor seiner Berufung an die Hochschule München arbeitete er in der Planung eines Maschinenbauunternehmens und am Fraunhofer IAO. Sein Beitrag erschien als Insider-Kolumne in Deutscher Drucker 11/2022. Das Heft steht im print.de-Shop bereit.