Insider-Kolumne von Dr. Marko Hedler aus Deutscher Drucker 9/2019

Lautet die Zukunft also „Books in Browsers“?

Man kann den Umsatzanteil der digitalen Produkte ganz einfach auf 100 Prozent bringen. Man muss nur den Print-Bereich schnell genug gegen die Wand fahren.“ (Wolfgang Beisler, Carl Hanser Verlag). Mit diesem Zitat von Wolfgang Beisler zur Digitalisierung in der Buchbranche schloss der diesjährige Publishers Day an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Es ist still geworden um die vor Jahren groß angekündigte Revolution im E-Book-Bereich. Hatte man uns nicht viele neue bunte, interaktive Bücher versprochen? Mit der Standardisierung von EPUB 3 war das passende Format für solche Inhalte eigentlich schon längst verfügbar. Doch das Ökosystem des digitalen Lesens, das Anfang der 2010er Jahre für kurze Zeit bestand, ist zusammengeschrumpft. Amazon hat gewonnen, denn viele der vormaligen Konkurrenten sind einfach nicht mehr da. Die Hälfte aller Printverkäufe und mehr als drei Viertel aller E-Book-Verkäufe werden über die Amazon-Kanäle abgewickelt. Bei digitalen Büchern gibt es zudem nur wenige Alternativen.

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„Lesen per Browser, das funktioniert doch nicht für Bücher, oder etwa doch?

Trotz vieler Bemühungen des International Digital Publishing Forums (IDPF) in Sachen EPUB-Standardisierung bestimmt der Funktionsumfang des Kindle E-Book-Formats von Amazon das Aussehen und die Möglichkeiten aktueller digitaler Bücher. Das ernüchternde Resultat: Physische Bücher sehen heute aus wie physische Bücher des letzten Jahrhunderts. Digitale Bücher von heute sehen aus wie digitale Bücher von vor zehn Jahren, fühlen sich entsprechend an und funktionieren fast identisch.

Dennoch steht uns vielleicht diesmal ein vielversprechender Technologiewechsel ins Haus: Ein neuer Working Draft zu „Web Publications“ von IDPF gemeinsam mit dem W3C. Es handelt sich dabei um einen möglichen Standard für digitale Bücher, die sowohl online als auch offline nutzbar sind. Lautet die Zukunft also: Books in Browsers?

Lesen per Browser, das funktioniert doch nicht für Bücher, oder etwa doch? Wie könnte man dabei von den Erfahrungen und Möglichkeiten des Internets lernen? Die Akzeptanz digitaler Bücher geht einher mit der Nutzung der Stärken des jeweiligen Mediums. Digitale Bücher können dies nur erreichen, wenn sie sich aus dem engen Korsett der begrenzten Möglichkeiten befreien – hin zu einem beweglichen, mehrdimensionalen, vervielfältigbaren, teilbaren, auffindbaren und verlinkbaren Format. Digitale Bücher im Browser könnten somit ein Hybrid sein; etwas, das den Inhalt einerseits so gut kapselt, dass man ihn weiterhin als Buch erkennt; gleichzeitig aber so uneingeschränkt daherkommt, dass dem Nutzer auf der Plattform des Webs alle Möglichkeiten des Informationsaustauschs und der Interaktion zwischen verschiedenen anderen Inhalten offen stehen: Books in Browsers.

→ Ihre Meinung? insider@print.de

Dr. Marko Hedler ist Professor für Publishing und Cross-Media-Systeme an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Er unterrichtet im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen Medien die Themengebiete Digital Publishing und XML-Technologien. Zuvor war er als Entwickler, Berater und Projektleiter bei verschieden Firmen im Bereich Publishing und Automatisierung tätig.

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