Menschen in der Druckindustrie (1)

Kurt Weidemann zum 100.

Kurt Weidemann
(Bild: Hermann Pfeiffer)


„Kurt 100“ steht auf der Einladung zum 100. Geburtstag von Prof. Kurt ­Weidemann am 15. Dezember 2022 im Stuttgarter Stadt-Palais. Hier richten Kollegen und Künstler ein Fest zu Ehren des 2011 verstorbenen Typografen aus, welcher nicht nur d
em Erscheinungsbild zahlreicher bekannter Marken seinen Stempel aufgedrückt hat. 

 

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Kurt Weidemann allein der Rubrik Grafik-Design zuzuordnen, wäre eine stark verkürzte Sichtweise und würde ihm sicherlich nicht gerecht. Angesichts der Vielfalt seiner Tätigkeiten fällt es schwer, ihn mit einem einzelnen Begriff zu beschreiben: Gebrauchs­grafiker, Typograf, Schriftgestalter, Werbeberater, Lehrer, Professor, Juror, Autor sind Bezeichnungen, die im Zusammenhang mit Weidemann fallen.

Seinen beruflichen Einstieg – nach Kriegsdienst von 1940 und Gefangenschaft bis 1950 in Russland – markierte die Ausbildung als Schriftsetzer in seiner Heimatstadt Lübeck.

Seine weiteren Stationen schilderte er selbst im 1994 beim Cantz Verlag erschienenen großformatigen Band „Wo der Buchstabe das Wort führt“: Das Studium an der Staatlichen Akademie Stuttgart schien ihm nach vier Semestern ausreichend. Nach einem halben Dutzend Jahren kehrte er auf Anraten des damaligen Rektors Walter ­Brudi jedoch dorthin zurück, allerdings nicht als Studierender, sondern als Lehrender und übernahm den „Lehrstuhl für ­Information und graphische ­Praxis“. 1965 wurde er zum Professor ernannt.

Von 1955 bis 1964 war er als Schriftleiter der Fachzeitschrift „Der Druckspiegel“ und freiberuflich als Buchgestalter, Gebrauchsgrafiker, Werbeberater und Texter tätig. „Studien- und Vortragsreisen“, erzählte Weidemann, „haben mich in ­nahezu alle europäischen Länder, in die Vereinigten Statten, die UdSSR und zu langanhaltenden Freundschaften geführt. Bei Jan Tschichold war ich oft in Berzona – seinem Altersruhesitz im Tessin – zu Gast. Zu den mehr als drei Jahrzehnten zurückreichenden Verbindungen gehören die Schriftgestalter Georg Trump, Hermann Zapf, Adrian Frutiger.“

 

Kurt Weidemann war gefragt in meist international auftretenden Berufsverbänden. Zusammen mit dem US-amerikanischen Typografen Aaron Burns gründete er das International Center for the Typographic Arts (ICTA), dem er einige Jahre vorstand. Von 1970 bis 1972 war er Präsident des internationalen Dachverbands der Grafikverbände. An der Spitze des Künstlerhauses in Stuttgart stand er sieben Jahre lang. Juryteilnahme, Gutachter­tätigkeiten, Vorträge und Veröffentlichungen häuften sich mehr und mehr. Nachbarverbände suchten seinen Rat. Insgesamt ein erstaunlich hohes Arbeitspensum. Die Lehrtätigkeit mit dem Aufbau der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) in Vallendar bei Koblenz hielt ihn im ersten Jahrzehnt weiterhin in Atem. Außerdem lehrte er ab 1991 an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung im Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe.

In den 1970er-Jahren bis zur Jahrtausendwende dominierten neben der Entwurfstätigkeit vor allem Berateraufgaben. Enge Kontakte zum Verleger Wolf Jobst Siedler, zu Vorstandssprecher der Deutschen Bank Alfred Herrhausen (bis zu dessen Ermordung 1989), zu Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter waren mit Verlagsarbeit bzw. Verwirklichung von Erscheinungsbildern verknüpft.

 

Weidemanns Schrift-Trilogie für Daimler-Benz AG

Die Vielfalt der bei der Daimler-Benz AG genutzten Schriften sollten mit dem Aufbau ­einer neuen konzernübergreifenden Corporate Identity ab Mitte der 1980er-Jahre ein Ende haben. Mit der „Corporate A∙S∙E“ entwarf Kurt Weidemann eine Schriftenfamilie, die auf den Grundformen der Antiqua (A), der Serifenlosen (S) und der Egyptienne (E) beruhte und die er den Begriffen „klassisch“, „sachlich“ und „technisch“ zuordnete.

Neben der optimalen Ästhetik, aufgebaut auf die Proportionszahlen 1, 2, 3, 5, 8, 13 … , ging es darum, auf dem „Ikarus“-System den ganzen Fächer von Schriftanwendungen durch Konvertierungsprogramme zu generieren – eine Entwicklung, die langer Vorlaufzeit bedurfte. Dem voraus ging 1980 der erste Entwurf der Schriftschöpfung „Biblica“ anlässlich der Herausgabe der gemeinsamen ­Bibelübersetzung auf evangelischer und ­katholischer Seite. 1983 folgte dann – auf die „Biblica“ zurückgreifend – die „ITC Weidemann“ in zahlreichen Schnitten im Angebot der Internationalen Typeface Corporation in New York. Die „ITC Weidemann“ wurde übrigens lange Jahre auch von Deutscher Drucker als Laufschrift genutzt. Ebenso hat Kurt ­Weidemann den damaligen Schriftzug ­„Deutscher Drucker“ gestaltet.

Mit den von Weidemann inszenierten ­Erscheinungsbildern und Logos für bekannte Unternehmen wie coop, Daimler-Benz, Deutsche Bahn, Merck, Zeiss, Porsche erzielte er über Fachkreise hinaus Aufsehen. So waren es beispielsweise beim Porsche-Schriftzug nur wenige Eingriffe in die Namensmarke, um die Lesbarkeit ums schnelle Gefährt zu verbessern. Als Honorar gab es „Naturalien“: Er konnte sich einen „Carrera 4“ auswählen.

Weidemann designte das neue DB-Logo.
Vorher – nachher: 1993 übernahm Kurt Weidemann das Re-Design des Logos der Deutschen Bahn. Die Umkehrung der Farben zu rot auf weißem Grund sparte dem ­Konzern angeblich einige hunderttausend DM an Siebdruckfarbe.

In dem Ende 2007 erschienen Projekt „König und Narr – Der Gestalter Kurt Weidemann“ von Chris Schaal mit Film, Buch und Animation ist auch die Episode enthalten, als er seinen Porsche wieder verkaufte.

Spektakulär war auch das Re-Design des DB-Logos im Zuge der Umwandlung von der Drutschen Bundesbahn zur Deutschen Bahn AG. Ein kleiner Dreh, der große Wirkung zeigte. Ursprünglich standen die Buchstaben „DB“ weiß auf rotem Grund. Weidemann stellte sie auf positiv Rot in Weiß um. Dieser Kunstgriff soll dem Unternehmen pro Jahr ab 1993 allein an Siebdruckfarbe angeblich einige hunderttausend DM gespart haben.

 

Einzug ins „Stellwerk West“

Dekoriert mit zahlreichen Auszeichnungen (u.a. Bundesverdienstkreuz I. Klasse), Ehrenmitgliedschaften (u. a. Württembergischer Kunstverein Stuttgart, ADC Art Directors Club Deutschland), Mitgliedschaften (u.a. Ehrensenator der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart) etablierte sich Kurt Weidemann im Stellwerk beim 1993 ausrangierten Stuttgarter Westbahnhof.

„Stellwerk West“ diente ab 2000 als Standort seiner Kreativwerkstatt. Einblicke in das schlanke Häuschen für die Fachpresse bot der 2. Dezember 2005. Die Papierfabrik Scheufelen stellte dort ihren Wandkalender „Nonplusultra“ für das Jahr 2006 vor: Reproduktionen von Chromolithografien des frühen 19. Jahrhunderts aus der Sammlung von Kurt Weidemann wurden kunstvoll gestaltet, der Vierfarbdruck mit 25 Sonderfarben ergänzt und hochwertig veredelt. Der Kommentar von Prof. Weidemann lautete: „Was hier vorgeführt ist, darf als ein ,Nonplusultra’ der Druckkunst bezeichnet werden.“ Denkbar ­eine Ergänzung zu seinen vielen Thesen zur ­Typografie.

Kurt Weidemann verstarb am 30. März 2011 im Alter von 88 Jahren.

 


Das Porträt von Kurt Weidemann gehört zu einer Reihe von Interviews und Geschichten über „Menschen in der Druckindustrie“.
Sein Porträt sowie Reportagen über weitere Menschen, deren Herz für Print schlug und schlägt, finden Sie in Ausgabe 16/2022 von Deutscher Drucker. Die gesamte Ausgabe steht im print.de-Shop zur Verfügung.