Kommentar von Christian Aumüller (Aumüller Druck, Regensburg)

Warum überprüft der FSC jetzt Kinderarbeit in deutschen Druckereien?

Christian Aumüller, Geschäftsführer von Aumüller Druck in Regensburg, kritisiert die neuen „CLR“-Richtlinien des FSC. (Bild: Aumüller Druck)

Seit Beginn des Jahres will der Forest Stewardship Council (FSC) von deutschen Druckereien wissen, wie sie es in ihren Unternehmen mit Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Diskriminierung und Vereinigungsfreiheit halten. Sind das wirklich Themen, um die sich der FSC kümmern soll, fragt Christian Aumüller, Geschäftsführer von Aumüller Druck in Regensburg. Lesen Sie seinen Kommentar.

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Vorab: Wir finden es gut, dass FSC, und natürlich auch PEFC, die nachhaltige Forstwirtschaft fördern. Und das insbesondere weltweit. Dennoch erzeugt es bei uns immer ein unruhiges „Kribbeln“, wenn der FSC neue Richtlinien herausgibt. Denn für uns Drucker werden in der Regel die Anforderungen und deren Umsetzung nur komplizierter – ohne dass wir von unserer Seite einen Beitrag zur nachhaltigen Forstwirtschaft erkennen können.

Und diesmal ist dem FSC mal wieder etwas wirklich „Tolles“ eingefallen: Mit Beginn des Jahres 2022 gelten neue „CLR“-Richtlinien, abgeleitet aus den „ILO“-Normen. CLR heißt „Core Labour Requirements“, ILO heißt „International Labour Organization“ – oder auf Deutsch: “Kernarbeitsnormen nach der Internationalen Arbeitsorganisation“. Wer für global agierende Konzerne arbeitet, kann unter Umständen mit dieser Begrifflichkeit etwas anfangen. Wer damit noch nichts verbindet, dem gibt der FSC eine 50-seitige Erläuterung an die Hand, natürlich nur eine englische Version mit deutscher Übersetzung. Und auch gleich eine praktische Umsetzungshilfe mit einem Fragebogen über 20 Seiten zur Selbstbeurteilung.

Worum geht es? Der FSC greift die Themen Zwangsarbeit, Kinderarbeit, Diskriminierung und Vereinigungsfreiheit auf. Sicher, das sind – global gesehen – leider immer noch ernst zu nehmende Themen. Und auch in Deutschland ploppen immer wieder Fehlverhalten in diesen Bereichen auf. Aber im internationalen Vergleich sind dies keine wirklich relevanten Themen in deutschen Druckereien. Haben wir nicht hierfür einen ausgefeilten Rechts- und Ordnungsrahmen, mit umfangreichen Arbeitsschutzgesetzen, Betriebsverfassungsgesetzen, Gewerbeordnung oder gar Grundrechten? Haben wir dafür keine bewährte Exekutive wie Gewerbeaufsichtsamt, Berufsgenossenschaften, Zoll oder Polizei?

Müssen deutsche Druckereien sich tatsächlich für FSC durch 20 Seiten Selbstbeurteilung durchquälen, um nachzuweisen, dass wir keine Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Diskriminierung und Verhinderung von Vereinigungsfreiheit betreiben? Warum zeigt der FSC bei solchen Vorgaben nicht dieselbe regionale Flexibilität wie bei seinen Holz-Zertifizierungsstandards, die ja auch durchaus an die nationalen Gegebenheiten angepasst werden?

Interessant ist auch die Anforderung vom FSC, dass wir diese Themen bei unseren Subunternehmen ohne eigene FSC-Zertifizierung sicherstellen und überprüfen müssen. Naja, die Kinder sind sicherlich schnell bei unseren Subunternehmen identifiziert. Und interessante Diskussionen wird es geben, wenn wir die Löhne unsere Zulieferer auf Gleichbehandlung überprüfen sollen. Das alles zur Förderung der nachhaltigen Forstwirtschaft?

Wir sind schon gespannt, welchen Raum die Überprüfung dieser Anforderungen beim nächsten Audit einnehmen wird. Nach den veröffentlichen Unterlagen scheint noch einiger Interpretationsspielraum offen zu sein.

Für uns wird es inzwischen immer schwerer, Aufträge mit FSC-Zertifizierung durchzuführen. Kommt der Kunde mit dem vorgeschriebenen Layout (richtige Größe …) des Logos zurecht? Sind alle verwendeten Papiere bzw. Materialen (Vor- und Nachsatz, Pappe, Beileger …) entsprechend zertifiziert? Sind auch alle Subunternehmer selbst zertifiziert? Nach den oben beschriebenen neuen Anforderungen ist eigentlich nur dies sinnvoll. Die Hürden zur Zertifizierung für Hardcover und Drucksachen mit Veredelung sind hoch. Und größere Aufträge können zurzeit sowieso nicht zertifiziert werden. Denn bei der jetzigen Papierknappheit auch noch Sonderwünsche wie „FSC zertifiziert“ beschaffen zu wollen, macht die ganze Sache extrem schwierig.

Wieder mal zeigt sich, dass der FSC nicht zu Druckereien passt. Abgesehen davon, dass mit der Verwendung eines FSC-Logos in der Druckerei keine einzige Aktion verbunden ist, die die Umweltauswirkungen der Druckerei positiv beeinflusst.

Wieder mal stellen wir unsere Zertifizierungskosten von jährlich ca. 5.000 € in Frage (Audit und Lizenzgebühr für FSC und PEFC).

Zu hoffen ist nur, dass dem FSC noch genügend Energie bleibt, seiner Kernaufgabe nachzugehen, nämlich die nachhaltige Forstwirtschaft zu fördern.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Wir können dem Kommentar von Herrn Aumüller nur beipflichten. Anstatt sich in der Tat um die weltweiten Problemfeder im Forst zu kümmern, wird in Deutschland ein Faß aufgemacht, was lediglich zu mehr Aufwand bei den Druckereine und letzen Endes zu mehr Audit und Lizenzgebühr für FSC führen wird – oder ist dass das eigentliche Ziel?

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  2. Ich kann Ihnen nur zustimmen, Herr Aumüller. Es war keine gute Marketingidee, das FSC-Logo in das Impressum von Büchern zu drucken, leider hat sich das in der Branche verselbständigt. Auf Kochlöffeln oder Gartenstühlen mag das gut sein, aber auf einem Prospekt? Wer die Dokumentation auf Arte über FSC gesehen hat, der weiß auch, dass FSC andere Baustellen hätte als die Kinderarbeit in deutschen Druckereien. Leider glauben immer noch viel zu viele Druckkunden (und Buchkunden, weil es die Verlage so kommunizieren), dass die FSC-Zertifizierung von Papier das ganze Produkt umweltfreundlich macht. Aber Geld verdienen lässt sich damit auf jeden Fall.

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  3. Ich kann als leidgeprüfter FSC-Beauftragter in unserem Betrieb Herrn Aumüller vollumfänglich beipflichten. Mit jedem Audit stellt FSC neue Verordnungen anheim, vornehmlich in Englisch abgefasst, die die ganze Thematik mittlerweile ad absurdum führen. Aber wir Druckereien nehmen das mehr oder weniger klaglos hin, weil es, wie bei uns, der Fall ist, dass einige wichtige Kunden allen Informationen und aller Aufklärungsarbeit zum Trotz das FSC-Label auf Ihren Drucksachen sehen möchten. Trennen wir uns von FSC sind wir auch die Kunden los. In diesen Zeiten bleibt uns leider keine Alternative. Den Kommentaren von Herrn Weckwert und Herrn Fischer kann ich mich nur anschließen.

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  4. Inzwischen hat hoffentlich jeder Bürger zumindest gehört besser noch verinnerlicht, das nachhaltiges Handeln wichtig ist. Auch wir Druckereien tragen hier Verantwortung und sind generell dankbar für Angebote die wir unseren Kunden unterbreiten können. Bei FSC ist es leider auch bei uns so, dass wir wo immer möglich versuchen die Kunden eines Besseren zu belehren, obwohl der Grundgedanke ein richtiger ist. Bei weniger Bürokratie kann ich mir eine gegenseitiges Profitiren sehr gut vorstellen. So wie es sich jetzt darstellt werden wir leider weiter gegenteilige Überzeugungsarbeit leisten müssen, den auch die Verschwendung von Ressourcen in unsinniger Bürokratie ist nicht nachhaltig.

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  5. Sie sprechen mir aus der Seele, Herr Aumüller! Ich hatte schon das ‘Vergnügen’, die Selbstbewertung auszufüllen und habe dabei nur noch den Kopf geschüttelt, was das jetzt wieder soll! Für einen österreichischen Druckdienstleister ist das nur sinnlose Arbeitsbeschaffung und hilft weltweit keinem einzigen Zwangsarbeiter, keinem einzigen arbeitenden Kind, keiner einzigen diskriminieren Person! FSC entwickelt sich meiner Meinung nach in die völlig falsche Richtung. Es tut immerhin gut zu lesen, dass es andere Betriebe auch so sehen … siehe die vorhergehenden Kommentare auf Ihren Beitrag!

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  6. Leider zeigt der Autor die Thematik des neuen FSC-Standards nur sehr einseitig auf. Er kapriziert sich „nur” auf die Thematik der “CLR”-Richtlinien auf. Nun – die Anforderung eine Grundsatzerklärung auszufertigen – ca. 4 Angaben (!) dürften wohl niemanden tatsächlich überfordern. Das verbleibende 15-seitige Dokument legt sich hauptsächlich auf eine Fragebeantwortung fest – gelegentlich gibt es ein paar weitere Angaben auszufertigen – das ist es auch schon. Dieses Dokument liegt in deutscher Sprache vor – also nicht wirklich eine Herausforderung!
    Interessant wird es tatsächlich, ob der Auditor eine Einsicht in die Lohnliste haben möchte.

    Das Thema der korrekten Anwendung des FSC-Trademarks ist – aus meiner langjährigen Tätigkeit – nicht wirklich ein „Thema“! Die Mindestanforderungen (Größe, Platzierung, Hintergrund usw.) sind kurz zusammengefasst im Standard dargelegt. Die erforderliche Freigabe von der Zertifizierungsstelle ist nicht erforderlich, wenn es ein 4-Augen-Prinzip im Unternehmen gibt.

    Bemerkung: Viele meiner Klienten verzichten freiwillig (!) auf die „Umstellung“ und holen dennoch eine Freigabe von der Zertifizierungsstelle ein. Sie wollen sich halt dennoch in Sicherheit wiegen!

    In dem Beitrag wird leider nicht die weiteren Änderungen der Standards, die weitreichender sind, eingegangen:

    Zum Beispiel:
    Die Lizenzgebühren (AAF) werden mit 1. Juli 2022 wesentlich angehoben!

    Der bisherige FSC-Lizenzvertrag wird durch eine „TLA“ abgelöst. Die TLA sieht auch vor, dass bei „Vergehen“ Strafen zu zahlen sind. Inwieweit dies rechtlich in Deutschland bzw. Österreich durchsetzbar isst, muss sich erst zeigen. Jedoch: bei manchen Multisites wird bereits überlegt auf ein Einzelzertifikat umzusteigen, um eine event. Strafe („Penalty“), die an Umsatzhöhe gekoppelt ist, niedrig zu halten.

    Unumstritten ist, dass die Standards FSC, PEFC, Blauer Engel, Europäisches Umweltzeichen, Österreichisches Umweltzeichen transparent und nachvollziehbar sind!
    Und: Die Einhaltung der Richtlinien werden von unabhängigen Stellen geprüft.

    Manche Unternehmen wollen sich halt einer Zertifizierung durch eine unabhängige Prüfstelle nicht unterziehen! Da gibt es dann schon die „netten“ Zertifikate, die von den hauseigenen Lieferanten (!) ausgestellt werden! Dann auch Zertifikate, die von „Organisationen“ ausgestellt sind, wobei diese ja nicht einmal dann selber akkreditiert sind – also keine Unabhägigkeit!

    Zusammenfassend:
    Ob es sinnvoll ist ein Buch bzw. ein Druckprodukt mit dem FSC-Label auszuzeichnen kann Basis für viele Diskussionsstunden sein.

    Da muss jedes Unternehmen die Entscheidung für sich treffen. Im Gegensatz zu anderen „Umweltlabels“ bzw. „Qualitätszertifikaten“ sind diese Standards klare vorgegebene „Spielregeln“, die auch für Kunden und öffentliche Auftraggeber einsehbar und nachvollziehbar sind.

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  7. Druckereien würde sich eine Menge Kosten, Zeit und Ärger sparen, FSC zu umgehen.
    Anstatt dessen auf die Druckprodukte schreiben “gedruckt auf FSC zertifiziertem Material!.
    Die auflaufenden Kosten zahlt leider kein Kunde, und keine Druckerei reicht diese Kosten weiter.
    Ich sehe dies als modernen Ablasshandel. Denn ein Veränderung oder eine Haltung kommt durch eine innere Einstellung

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    1. Diese “Methode” der Umgehung einfach “Gedruckt auf FSC zertifiziertem Material” endet mit einer rechtlichen Auseinandersetzung bzw. einem Abmahnschreiben!

      Diese Umgehung hat den Institutionen überhaupt nicht gefallen. FSC (auch PEFC) haben sich die Buchstabenkombination rechtlich schon von vor vielen Jahren schützen lassen! Daher begeht jeder, der nicht zertifiziert ist, aber diese Angaben “FSC” oder “PEFC”-Zertifiziert in Verbindung mit dem gedruckten Papier bringt eine Verletzung der Markenrecht.
      Das ist auch der Grund warum bei FSC immer das “R” bzw. bei PEFC das “TM” angegeben werden muss.
      Ist halt so.
      Also… lieber Finger weg von solchen Umgehungsversuchen

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  8. Als FSC Beauftragter „der ersten Stunde“ möchte ich zu den fundierten Ausführungen von Herrn Sexl etwas anführen.

    Es ist sicherlich richtig, dass mit jeder Neuerung oder Änderung des Standards nur „ein klein wenig“ Mehrarbeit hinzukommt. Mal nur ein Dokument ausfüllen oder sich mit einer neuen Vorgabe vertraut zu machen.
    Nimmt man aber seine Aufgabe sehr ernst, dann sind viele kleine Vorgaben am Ende des Tages sehr wohl ein beachtlicher Mehraufwand. Hinzu kommt auch, dass es – wie angeklungen – sehr wohl am Auditor liegen kann, ob die neue Vorgabe eine „Mücke“ oder ein „Elefant“ wird.

    Was Herr Aumüller „ankreidet“ , ist einfach die Sinnhaftigkeit eines Holz- und Waldwirtschaftslabels in der Druckbranche.
    Und wenn es aus Marketinggründen sein muss einen FSC Auftrag zu produzieren, würde es dann nicht genügen nachweislich FSC Papier einzusetzen? Muss ich wegen eines Umschlages den ich zu einem Siebdrucker gebe (Achtung.. Outsourcing Vereinbarung nicht vergessen, da nicht FSC Zertifiziert) jetzt auch noch den dortigen Mitarbeiter fragen, ob der denn diskriminiert wird ?

    Und eines ist jetzt schon klar .. der Auditor dem dieser Punkt besonders am Herzen liegt, ist schon geboren.

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