Typo Berlin 2011: „Typostreckenfüllung“ und grafisches Ideen-Feuerwerk


Sensibler Buchgestalter, interessierter Gesprächspartner: Jost Hochuli.

Gutenbergs Buchdrucksystem (1440), Mergenthalers Linotype (1886) und Apples iPad (2010) sind für ihn Medienrevolutionen mit weitreichender kultureller sowie sozialer Bedeutung. Wilson präsentierte Fakten, Anekdoten und Filmausschnitte zur Geschichte des schwäbischen Tüftlers und Uhrmachers Ottmar Mergenthaler. Die Dokumentation jammert nicht über längst vergangene Maschinenromantik; sie porträtiert die Suche eines Erfinders nach der technisch besten Lösung und zeigt Amerikas letzte Linotypesetzer in Aktion.

In Wilsons Film, der im Herbst offiziell Premiere feiern soll, kommen auch Koriphäen wie der Schriftgestalter Matthew Carter oder Frank Romero vom Museum of Printing in North Andover zu Wort, dem es gelang, die 300.000 Originalzeichnungen umfassende Mergenthaler Font Library in die Museumsbibliothek zu überführen.

Typografie-Geschichten

Der Schweizer Typograf und Fachautor Jost Hochuli rückte hingegen einige Details zur Schweizer (eigentlich eher Deutschschweizer) Typografie zurecht. Im Mittelpunkt standen Max Bill und Jan Tschichold: Aus Weggefährten wurden Gegner, als Tschichold sich etwa ab 1938 vom Vorreiter der neuen anaxialen Typografie zum Vertreter der klassischen Buchgestaltung wandelte und dafür als „Verräter an der Moderne“ beschimpft wurde. Hinzu kam in den 1950er und 1960er Jahren die Konkurrenz von Univers und Helvetica (und Haas Grotesk) sowie die der Basler und der Zürcher Schule. Neben diesen unversöhnlichen Parteien, die auch im Ausland großen Einfluss hatten, gab es aber auch Gestalter, die sich nicht nach Dogmen richteten, sondern Leser-orientiert und inhaltsgerecht jeweils adäquate Mittel wählten. Hochuli nannte hier an erster Stelle Rudolf Hostettler (1919–1981), als Entdeckung bezeichnete er Theo Frey (1919–1986).

Es ist Hochulis Verdienst, dass Tschicholds typografische Arbeitsbibliothek Anfang 2011 als Schenkung der Erben von Berzona in die Vadiana St. Gallen gelangte. Ihm selbst ist jedes Dogma fremd, aber eines hat er dann doch: „Down with dogma“.

Regelbruch

Michael Johnsons Mandagrams helfen beim Erlernen der chinesischen Schrift.

Den bewussten Regelbruch übt Michael Johnson in seinem Londoner Studio johnson banks. Dabei gestalte er „ja nur“ Logos, Plakate und Briefmarken. Aber die sind meist Teil eines groß angelegten Brandings. Ob für Swanswell, eine Organisation, die sich um Alkohol- und Drogenabhängige kümmert, das Science Museum in London oder das Ravensbourne College of Design and Communication – sein Corporate Design ist immer überraschend, perfekt passend und dabei variabel.

Ein Logo allein macht bekanntlich noch kein Identität stiftendes Branding; wenn es aber so intelligent und fernab alles bislang Gesehenen entwickelt wird wie bei Johnson, ist es das ideale Grundelement, auf dem alles Weitere aufbauen kann. Wie die Auszeichnungsschrift des Science Museums oder die von den extravaganten Wandfliesen abgeleiteten, unregelmäßigen geometrischen Formen für Ravensbourne. Nebenbei erfindet Michael Johnson mit der Phonetikana eine Sprachlern-Hilfsschrift für Nichtjapaner und mit den „beredten“ Mandagrams etwas Ähnliches fürs Chinesische.

Gezeichnete Kommentare

Auf ganz eigene Weise konterte dies Christoph Niemann als letzter Sprecher der diesjährigen Typo. Der 1970 in Waiblingen geborene, seit 1997 in New York und ab 2008 in Berlin lebende Illustrator erzählt und kommentiert Alltagsszenen, politische wie kulturelle Ereignisse mit dem Zeichenstift. Zudem ist er ein hervorragender, selbstironischer Präsentator der eigenen Biografie und seiner herausragenden Arbeiten, unter anderem fürs New York Times Magazine oder den legendären The New Yorker. In Zeiten von enriched Apps animiert er dezent, trickreich und subtil seine Cover-Zeichnungen. Für Google Chrome hat er gar eine Animation entworfen, die den Browser als Katze darstellt.

   
Neues in Altem entdecken

Immer wieder neu sehen lernen, das wollen auch die Zwillinge Martin und Thomas Poschauko, die mit ihrer Diplomarbeit „Nea Machina“, aus der bereits ein dickes Hermann-Schmidt-Mainz-Buch wurde, gleich einen Volltreffer gelandet haben. Es war ein Experiment: Man nehme vier Monate Zeit, zwei vorgegebene Elemente (Gesicht, Schrift) und entwickle daraus möglichst viele formale Variationen. Mehr als 1.000 Designs sind es geworden. Die Entstehungsschritte sind im Buch nachgezeichnet, einige Projekte stellten die Poschauko-Zwillinge auf der Typo vor. Ihre Überzeugung: Als Gestalter können wir „unsere Umwelt mit Bedeutung und Poesie aufladen“, aber nur, wenn wir nicht verlernen, Neues im Altbekannten zu entdecken.

Die Brüder haben ihre eigene Kreativmaschine kreiert, mit einer Ideen- und einer Werkzeugebene. Erstere wird von Kopf und Bauch bedient, letztere von Hand und Computer. Bei Bedarf wird rotiert, werden handwerkliche und rechner-basierte Arbeitstechniken gewechselt. Es geht nicht um das Prinzip, immer vom Manuellen auszugehen. Es gibt auch bei den Poschaukos kein Dogma, nur genaues Hinschauen und In-sich-Hineinhorchen.

Kraft der Wörter

Der Autor Wolfgang Pauser näherte sich dem Thema Bildgewalt mit der Kraft der Wörter. Pointiert beschrieb er den Paradigmenwechsel vom Bild zum Text und zurück zur heutigen Bildlastigkeit, untermauert mit philosophischen und historischen Bezügen. Verleger und Journalisten sprechen gerne von der Bedeutung des „Content“ und auch Grafiker lieben Buchstaben. Manchmal fehle ihnen dann aber leider ein Inhalt. Kürzlich wurde Pauser beauftragt, in einem Buch noch schnell eine „Typostrecke“ mit Text zu füllen. Er übernahm das und bekam neben dem Honorar auch die erbetene Visitenkarte mit seiner neuen Berufsbezeichnung: „Typostreckenfüller“.

Nicht nur Grafikdesigner und Gestalter suchen heutzutage nach einem neuen Selbstverständnis; auch Autoren und Journalisten tun das. Das Programm der Typo spiegelte die Vielfalt an Themen und Perspektiven.
   

Auf allen Kanälen

Die Typo Berlin war diesmal in allen sozialen Netzwerken präsent, während der Tagung mit Live-Streams, aktuellen Meldungen und Interviews, nach Beendigung mit Berichten in zahlreichen Blogs.
Die Publikumsbefragung ergab aber dies: Obwohl fast jeder Typo-Besucher ein kleines „mobiles Endgerät“ dabei hatte, holte sich die Mehrheit ihre Programminfos im gedruckten Flyer. Print bleibt! Das Motto der Typo Berlin 2012 lautet „Sustain“. Vorher findet erstmals zusätzlich die Typo London statt, vom 20. bis 22. Oktober 2011.

Erschienen in DD 21/2011

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