Kommentar

Elitäre Bücher vs. »normale« Verlagsprodukte

Buchdruck: Das Bilderbuch »Schwimmt Brot in Milch?« gewinnt den mit 10.000 Euro dotierten Preis der Stiftung Buchkunst und ist eines der schönsten deutschen Bücher 2018.
(Bild: Anne Sophie Stolz)
Die »Schönsten Deutschen Bücher« 2018: Das Bilderbuch »Schwimmt Brot in Milch?« gewinnt den mit 10.000 Euro dotierten Preis der Stiftung Buchkunst.

Die »Schönsten Deutschen Bücher« des Jahrgangs 2018 stehen fest. Die 25 ausgewählten Titel sind laut Stiftung Buchkunst »vorbildlich in Gestaltung, Konzeption und Verarbeitung« und zeigen eine große Bandbreite gestalterischer und herstellerischer Möglichkeiten. Ganz unumstritten ist eine solche Preisverleihung ja nie – trotz dreistufiger Expertenjury. Warum eigentlich? Silvia Werfel kommentiert …

 

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Total normal!?!

Ab und zu sieht sich die Stiftung Buchkunst mit dem Vorwurf konfrontiert, die in ihrem Wettbewerb gekürten Bücher seien elitär und repräsentierten keineswegs das »normale« Verlagsprodukt. Schließlich sei dies doch aber das erklärte Ziel: Dem Buchhandel mundgerecht vorbildlich gemachte Bücher zu offerieren. Was aber ist denn in unseren digitalen Zeiten »vorbildlich in Gestaltung, Konzeption und Verarbeitung«? Und was spricht überhaupt gegen Bücher, die im besten Sinne elitär, nämlich von besonderer Qualität sind?

Es sind die vermeintlich sperrigen Inhalte, hört man munkeln. Man unterschätze die Leserschaft nicht! Die ist womöglich aufgeschlossener als manche denken. Aber wer kommt schon auf die Idee, nach einem »Handbook of Tyranny« zu suchen oder nach einem Kinderbuch wie »ich so du so«? Gewiss, niemand braucht zum Überleben ein »Buch der Nächte«, einen weiteren Katzenratgeber, einen Bildband über Schafe und Ziegen oder ein schwergewichtig-großes Pilzebuch. Oder doch? Wie schön, dass die Stiftung Buchkunst solche wunderbaren, Horizont erweiternden Titel kürt und zeigt und Bücherfreunde damit begeistert.

Allerdings wird sich die Stiftung Buchkunst dieses Jahr tatsächlich einiges fragen lassen müssen. Zum Beispiel warum so viele – nämlich fünf der 25 prämierten Bücher – aus Schweizer Verlagen stammen (das ist erlaubt, sofern sie in Deutschland produziert sind). Ein Ungleichgewicht? Warum immer mehr englischsprachige darunter sind? Mit Blick auf einen internationalen Markt sicher vertretbar. Schwer verkäuflich sind hierzulande zudem Titel, die in schönstem, aber für die meisten Deutschen unverständlichem Schwyzerdütsch erscheinen, die sich detailliert und kreativ mit dem Doppelkanton Appenzell beschäftigen oder mit den Folgen eines regional (auf Düsseldorf) begrenzten Orkans.

Schweizer Verlage lassen aus naheliegenden Gründen gern in Deutschland produzieren. Davon profitieren diesmal besonders Kösel und DZA Altenburg. Preisgekrönt drucken können aber auch Betriebe in Lettland (Livonia Print, Riga) und Tschechien (Graspo, Zlìn) und dazu besonders umweltverträglich in Österreich (Gugler). Auffällig ist ganz nebenbei, dass manche Zweitauflage nicht mehr in Deutschland gefertigt wird …

Eine Prämierung durch die Stiftung Buchkunst ist begehrt – für Gestalter, Verlage und die produzierenden Betriebe. Seien die Inhalte auch noch so sperrig, es lässt sich anhand der gekürten Bücher die ganze Vielfalt der Gestaltungs- und Fertigungsmöglichkeiten zeigen. Das Publikum ist bereit, es muss nur vermittelt werden – ist doch normal, oder? [6618]

Ihre Meinung?  insider@print.de

 

Silvia Werfel, Autorin Deutscher Drucker/print.de, spezialisiert auf Typografie- und Designthemen.

 

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