Produkt: Deutscher Drucker 14-15/2019 Digital
Deutscher Drucker 14-15/2019 Digital
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Das aktuelle Interview

»Lesen Sie wohl!«

Typografie: Heiner Boehncke, Hans Sarkowicz: »Der fremde Ferdinand. Märchen und Sagen des unbekannten Grimm-Bruders« (Bd. 448, 2020). Die märchenhafte Gestaltung des Buches aus der Anderen Bibliothek stammt von Hagen Verleger.
Heiner Boehncke, Hans Sarkowicz: »Der fremde Ferdinand. Märchen und Sagen des unbekannten Grimm-Bruders« (Bd. 448, 2020). Die märchenhafte Gestaltung des Buches aus der Anderen Bibliothek stammt von Hagen Verleger. (Bild: BANK™ Graphic Design Today für Die Andere Bibliothek )


Christian Döring ist ein Verlags- und Büchermensch durch und durch, seit er 1987 zehn Jahre lang die junge deutschsprachige Literatur für den Suhrkamp Verlag lektoriert und dann das Literaturprogramm des DuMont Verlages zehn Jahre lang aufgebaut hat. 2009 stieg er bei der Anderen Bibliothek als Lektor ein, wurde 2011 Herausgeber. print.de sprach mit ihm über die Zukunft des schönen Buches.

 

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Buchgestaltungskunst und Typografie

 

Christian Döring (Jahrgang 1954) ist seit rund zehn Jahren Herausgeber bei der Anderen Bibliothek, die seit 2011 im Aufbau Haus in Berlin beheimatet ist und innerhalb der Aufbau-Verlagsgruppe als eigenständiger Verlag firmiert. Die Eigentümerfamilien Koch und Fresenius konnten sie gemeinsam mit Döring in wirtschaftlich sicheres Fahrwasser steuern. So sind auch im 35. Jahr ihres Bestehens, im Pandemiejahr 2020, zwölf Bücher erschienen – eines pro Monat. print.de im Gespräch mit Christian Döring über die Zukunft des schönen Buches.

 

print.de: Herr Döring, wann sind Sie erstmals der Anderen Bibliothek begegnet? 

Christian Döring: Früh und spät zugleich: Natürlich hat damals, 1985, jeder vom Buchereignis »Andere Bibliothek« gehört, das am 18. Januar mit dem ersten Band losging – auch ich. Die feinen Bände habe ich in der Münchner Autorenbuchhandlung in Händen gehalten, ästhetisch gewogen zunächst – die 25 D-Mark aber bedeuteten viel Geld. Erst Band sechs habe ich erstanden. Als Geschenk und vorher vorsichtig gelesen, »Die Inquisition«, ein Standardwerk, um es dem Dissidenten György Konrad nach Budapest mitzubringen, wo ich ein Radiogespräch mit ihm zu führen hatte. Das Ereignis war auch bei ihm in Ungarn angekommen.

 

print.de: Seit 2009 sind Sie mit im Boot – wie sehen Sie Ihre Rolle für die Andere Bibliothek? Gibt es Synergien mit dem Aufbau Verlag? 

Döring: Wenn schon Boot, dann ein kleines wendiges – mit mir am Außenbordmotor. Kleine Mannschaft auf Zuruf, dauerbegeistert auch bei Turbulenzen. »Panikresistenz und Simultankapazität« sind notwendige Qualitäten – die habe ich bei meinem Lehr- und Zuchtmeister Siegfried Unseld gelernt. Das ist die Rolle. Und: Ich bin der Herausgeber, so heißt es seit Hans Magnus Enzensbergers Zeiten. Es bedeutet: allein verantwortliche (auch vom Eigentümer nicht beeinflusste) Auswahl der Titel. Dann bin ich zugleich Lektor und Kapitän – alle Rollen gleichzeitig. So gehört es sich. Der Aufbau Verlag besorgt die Lizenzen, die Herstellerin übt ihr Handwerk, schon aus Kostengründen, auch für die Aufbau-Verlage aus, und wir haben eine gemeinsame Buchhaltung. Wohlverstanden: keine gemeinsame Kasse! Ansonsten fließen die Sympathien. Wir arbeiten unter einem Dach – ganz wörtlich. 

 

Typografie: Christian Döring.
Christian Döring. (Bild: Christian Döring (privat))

 

print.de: Die Andere Bibliothek hat auch wirtschaftliche Tiefpunkte erlebt. 

Döring: Die Bibliothek der »Gründerzeit« geriet nach wenigen Jahren in Schwierigkeiten und musste schon 1989 mit dem Eichborn Verlag kooperieren – und dieser ging bekanntlich insolvent. Nun haben wir nach der Nördlinger und der Frankfurter die Berliner Andere Bibliothek – und dies so solvent, dass auf die ersten zehn Jahre am Moritzplatz die nächsten zehn folgen sollten. 

 

print.de: Abonnenten sind ein wichtiges Fundament … 

Döring: Wir haben circa 1.450 Abonnenten, es mögen mehr werden – mit dem Abonnement kann jede Originalausgabe sicher in die Sammlung eingehen, in Jahr 2020 sind wir bereits mit der dritten Originalausgabe unwiederbringlich ausverkauft. Es gibt jene Sammler, wir unterhalten mit so manchen eine Verbindung, verschicken an sie unsere Kometenbriefe, erfahren Kritik oder Anregung. Aber das Abonnieren von etwas – Zeitschriften, Rotwein oder was auch immer –, das liegt momentan nicht ganz im Zeitgeist. Es wird wiederkehren, »Retro« erfasst alles, der Blick ins zu erhaltene Vergangene, wenn die Zukunft abhanden kommt. 

 

print.de: „Lesen Sie wohl!” – mit diesem Gruß enden Ihre Herausgeberbriefe, die jeder Originalausgabe beigelegt sind – schön! 

Döring: Der Text auf der Buchschlaufe, die unsere Buchkörper, weil sie so fein sind, umhüllt, ist ein purer, in Kürze informierender Informationstext, der anregen soll, das auch noch in Folie eingeschweißte Buch käuflich zu erwerben. Der Herausgeberbrief möchte Persönlicheres hinzufügen, auch meine Auswahl begründen und so manches Detail für den Leser hinzufügen – aber dazu muss er das Buch erst einmal aufschlagen. Er soll nochmals belohnt werden. Auch hier gibt es mittlerweile Sammler. 

 

print.de: Je digitaler unsere Welt wird, umso mehr Sehnsucht gibt es nach sinnlichen Erfahrungen – spüren Sie das an den Verkaufszahlen?? 

Döring: Der Wert des Buches wächst unter Androhung seines Verlustes: Der »Untergang« des Buches ist ja fast so alt wie der des Abendlandes Und in Zeiten der Pandemie: Unsere Klassiker sind gefragt. Montaigne oder Buzzati, Grimmelshausen und viele mehr. Prosaische Zeiten für die Andere Bibliothek. 

 

print.de: Andere Verlage entdecken ebenfalls, dass sie mit besonderer Ausstattung punkten können. Wie unterscheidet sich die Andere Bibliothek da noch? 

Döring: Wir betreiben unser Hand!werk seit 1985 und besitzen in dieser Form die einzige Reihe im deutschsprachigen Raum, die ihre Schönheit auch erst in dieser Reihung, Buchrücken an Buchrücken, entfaltet – deshalb die Ausstattungsmerkmale wie Rückenschilder oder Format.
Wiedererkennung bedeutet: Markenzeichen. Das können andere Bücher bei aller Anstrengung Richtung Schönheit nicht nachmachen, auch wenn sie im Einzelnen wunderbar gestaltet sind und in unserem Gutenberg-Land die Buchgestaltungskunst hoch entwickelt ist. Vielleicht hat die Andere Bibliothek zur Nachahmung gereizt, das wäre wunderbar. Unsere ehemalige Herstellerin Katrin Jacobsen wurde uns von Kiepenheuer & Witsch abgeluchst, das ist den Freunden dort zu gönnen – es belegt unsere Attraktivität. 

 

 

Alles Wissenswerte über die Andere Bibliothek lesen Sie in der Jahresabschluss-Ausgabe 2020 von Deutscher Drucker, die hier bestellt werden kann:

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Schwerpunkt: Digitaldruck +++ Large Format Printing +++ Buchgestaltung +++ Versandraumtechnik +++ Firmenübernahme

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Deutscher Drucker 10-11/2020
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