Insider-Kolumne von Dr. Jürgen Calmbach aus DD6/2018

Der Onlinedruck ist kein Patentrezept für alle

Dr. Jürgen Calmbach ist Geschäftsführer der Management-Beratungsgesellschaft Dr. Calmbach & Partner GmbH (Karlsruhe), die seit 28 Jahren Druckereien und Verlage berät.

Onlinedruck ist sexy. Keine Frage. Zahlreiche sehr gut besuchte Branchen-Events zu diesem Thema belegen das – ein Beweis für den besonderen Charme des Onlinedrucks: Über das Internet werden Tausende von standardisierten Aufträgen eingesammelt, eine Software nimmt die Online-Datenprüfung vor, nach der Datenfreigabe wird der Auftrag vollautomatisch in den Workflow des Onlinedruckers eingeschleust und der gesamte Kontakt zwischen Druckerei und Kunde bleibt digital.

Schluss mit den sonst üblichen Auftragsveränderungen und Sonderwünschen der anspruchsvollen Kundschaft, welche die Terminplanung immer wieder über den Haufen werfen. Schluss mit den täglichen Missverständnissen zwischen Auftragsbearbeitung und Technik wegen fehlerhafter Auftragspapiere und Schluss mit dem nervenaufreibenden Ärger mit den Außendienstmitarbeitern, welche sich hinter ihren Stammkunden verstecken und der anstrengenden Neuakquise mit fadenscheinigen Argumenten aus dem Wege gehen.

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Leider ist dieser „besondere Charme des Onlinedrucks“ aber nur Wunschbild des gepeinigten Akzidenzdruckers. Onlinedruck ist ein extrem hartes Business. Er ist sehr kapitalintensiv, da Prozess- und Produktivitätsoptimum immer die modernste Technologie bedingen und mit gigantischen Werbe-Budgets auf die eigene Existenz aufmerksam gemacht werden muss. Oder glauben Sie etwa, dass Onlinedrucker nur aus Imagegründen die teure Bandenwerbung bei den Fußball-Länderspielen buchen?

“Onlinedruck ist ein extrem hartes Business.”

Und auch der Onlinedruck stößt langsam an seine Wachstumsgrenze. Nicht alle Printprodukte sind nämlich für den Onlinedruck geeignet und viele Kunden wollen für ihre Kommunikation auf individuelle Produkte fernab vom Standard und auf die Beratungsqualitäten ihrer Druckdienstleister nicht verzichten. So gehören bei vielen Onlinedruckern die astronomischen Wachstumsraten auf nationaler Ebene zwischen jährlich 20 und teilweise 100 % der Vergangenheit an und sind aktuell auf einen sehr niedrigen einstelligen Prozentbereich geschrumpft.

Als Konsequenz daraus gibt es im Onlinedruck eine steigende Tendenz zur Internationalisierung, zu internationalen Firmenübernahmen, zu allgemeiner Wettbewerbsintensivierung und zu einer kontinuierlichen Ausweitung der Produktpalette – auch weg vom ursprünglichen Papier-Produkt!

Und man bedenke auch: In Deutschland gibt es heute noch ca. 8.000 Druckereien, überwiegend Familienbetriebe mit unter 50 Beschäftigten. Tausende Onlinedruckereien braucht aber kein Mensch. Das soll nicht bedeuten, dass man nicht auch heute noch mit einem Strategiewechsel in Richtung Onlinedruck erfolgreich sein und von Onlinedruckern nicht auch lernen kann. Aber das Einsammeln von Auftragsmassen über das Internet ist in den meisten Fällen nicht der geeignete Strategieansatz für die Mehrheit der Akzidenzdrucker und damit kein Patentrezept für alle!

→ Ihre Meinung? insider@print.de

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Sehr gut Herr Dr. Calmbach,
    einen Punkt haben Sie aber vergessen: Bei den großen Onlinern fehlen auch die Fachkräfte, d.h. die Qualität lässt sehr zu wünschen übrig, auch wenn man “einfache” Produkte bestellt !
    Dazu kommt noch die Bezahlung der Mitarbeiter, gerade im Osten Deutschlands, durch Mindestlohn, kann keine Qualität entstehen !
    Für mich sind die großen Onliner,auch aus eigner Erfahrung, sehr zwielichtig !
    Arne Wolff

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  2. Ich stelle immer wieder fest, dass Online-Druckereien nicht den Blick vom Kunden bzw. des Wiederverkäufers her gesehen haben. Vielmehr zeigt die Firmenkultur, dass es sich um Egozentriker handelt – von der Spitze angefangen bis zu den Mitarbeitern -, die sich nicht vorstellen können oder wollen, was der Kunde braucht. Das wird sich auf Dauer nicht auszahlen.
    Franz König

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  3. Danke, Herr Dr. Calmbach, dass Sie dem Schreckgespenst ein wenig Luft abgelassen haben. Wie so oft, sind sogenannte “disruptive” Dinge nicht so groß und gefährlich, wie sie gern erscheinen möchten.
    Auch unsere Erfahrung in einer der genannten 8000 kleineren Familien-Druckereien ist, dass viele Kunden (und auch größere) Flexibilität, Beratung und Service viel mehr schätzen, als niedrige Kampfpreise.

    In diesem Sinne Grüße aus der Druckerei Böttger Druck & Medien!

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  4. Ich habe mir über dieses Thema die Finger wund geschrieben, seit Jahren und aktuell auch auf magazinmedien.de.

    Sie, Herr Dr. Jürgen Calmbach, bringen auf den Punkt, was manche nicht immer gerne hören möchten, gleichwohl aber häufig faktisch richtig ist.

    Als Berater mit Schwerpunkt für strategischen Content, taten mir bereits zahlreiche Druckereien leid, die auf Events und Veranstaltungen Strategien der Großen nur absolut aber nie relativ verglichen und sich schwer übernahmen.

    Events und vor allem Influencer (bezahlte Blogger, die Beiträge gegen Geld als ihre eigene Meinung verkaufen) sorgen für eine Euphorie, die dem Status da draußen nicht entspricht.

    Ich könnte eine Reihe von Buzzwords aufzählen, bei denen sich mir der Magen umdreht, da diese auf Shows umherwabern, gepaart mit Ultimaten, etwa: Wenn Ihr nicht sofort … dann seid Ihr morgen nicht mehr … usw.

    Viele Grüße

    Jürgen Zietlow, magazinmedien.de, soulofcontent.de

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