Internationale Gutenberg-Gesellschaft wechselt zu Heidelberg University Publishing
Seit dem 15. Oktober 2026 ist das Gutenberg-Jahrbuch online frei zugänglich. Mit dem Wechsel zu Heidelberg University Publishing (heiUP) erscheint es im Diamond Open Access, also ohne Gebühren für Lesende wie für Autorinnen und Autoren. Die Freischaltung fällt in das Jahr, in dem das 1926 begründete Jahrbuch sein hundertjähriges Bestehen begeht und die herausgebende Internationale Gutenberg-Gesellschaft in Mainz ihr 125-jähriges Jubiläum feiert.
Die Beiträge sind ohne Bezahlschranke und ohne Registrierung abrufbar. Die wissenschaftliche Qualität sichert weiterhin ein Peer-Review-Verfahren. Jeder Aufsatz erhält zudem eine dauerhafte Kennung in Form eines DOI und wird damit zitierbar und dauerhaft auffindbar.
Weltweite Auffindbarkeit der Beiträge
Prof. Dr. Gerhard Lauer, Mitherausgeber des Jahrbuchs und Inhaber des Lehrstuhls für Buchwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, ordnet den Schritt so ein: „Zum ersten Mal in seiner hundertjährigen Geschichte sind die wissenschaftlichen Beiträge des Jahrbuchs für alle auffindbar. Jeder Beitrag trägt eine eindeutige, dauerhafte Kennung, einen DOI, und steht der Forschung weltweit offen.“
International ausgerichtet war das Jahrbuch nach Angaben der Gesellschaft von Beginn an: Bereits Gründungsherausgeber Aloys Ruppel nahm Beiträge in mehreren Sprachen auf, bis heute erscheinen Aufsätze auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Wer außerhalb Europas zur Geschichte des Buchdrucks forscht, kann die Ergebnisse nun unabhängig davon abrufen, ob die eigene Bibliothek das Jahrbuch im Bestand führt.
Gedruckte Ausgabe bleibt Teil der Vereinsarbeit
Die gedruckte Ausgabe soll ihren Stellenwert behalten. Dr. Carina A. E. Weißmann, Geschäftsführerin der Gesellschaft, erklärt: „Seit der Gründung der Gutenberg-Gesellschaft vor 125 Jahren sind die Publikationen ein zentraler Teil der Vereinsarbeit. Mehr als hundert Jahrgänge des Jahrbuchs bilden eine Ahnenreihe, wie sie nur wenige Gesellschaften vorweisen können – mit dem freien Zugang wird sie Schritt für Schritt für alle sichtbar. Das gedruckte Jahrbuch war dabei nie ein lukratives Geschäftsmodell, sondern unsere Investition in die Forschung und unser Bekenntnis zum Buch. Gestaltet von führenden Typografen wie Ralf de Jong und heute Daniel Reynolds, hergestellt im Offsetdruck auf hochwertigem Papier, in Leinen gebunden und geprägt, zeigt es jedes Jahr, was das gedruckte Wort heute sein kann – solange uns unsere Mitglieder und Förderer wie zuletzt die Mainzer Wissenschaftsstiftung begleiten.“
Die Gesellschaft versteht die Öffnung als Fortsetzung ihres Gründungsauftrags. Entstanden ist sie am 23. Juni 1901, am Tag der Eröffnung des Gutenberg-Museums, „zum Segen der Gutenbergforschung, zum Ruhm des grossen Meisters und zur Ehre seiner von uns allen innigst geliebten Vaterstadt“. Ihre Publikationen sollten dem „Zweck unserer Gesellschaft, der Förderung des Gutenberg-Museums und der Pflege der auf Gutenberg und seine Erfindung gerichteten Forschung uneingeschränkt dienen“.
Von den Bibliothekaren Europas zum Peer-Review
Die Qualitätssicherung hat in der Gesellschaft eine lange Vorgeschichte. Ein literarischer Ausschuss überwachte die unter wechselnden Herausgebern erscheinenden Veröffentlichungen in wissenschaftlicher wie in technischer Hinsicht. Führende Bibliothekare von Leipzig über Paris, Wien, Göteborg, Oxford und Rom bis New York wirkten als Berater und Gutachter mit – ein frühes internationales Netzwerk der Buchforschung, an dessen Stelle heute das Peer-Review-Verfahren getreten ist.
Aloys Ruppel, seit 1920 Direktor des Gutenberg-Museums und geschäftsführender Vorsitzender der Gesellschaft, begründete das Jahrbuch 1926 und gab es bis zum Jahrgang 1969 heraus. Er machte es zum zentralen Forum der Gutenberg- und Inkunabelforschung: Allein bis 1968 erschienen unter ihm rund 1.450 Aufsätze von 374 Autoren aus 39 Ländern. Schon im Vorwort des ersten Bandes formulierte er den Anspruch, das Jahrbuch stehe „fest auf dem Boden der Tradition“, wolle aber zugleich „neue Wege“ suchen und „neue Werte“ schaffen.
Vom Fotosatz zur Retrodigitalisierung
1970 ging die Herausgabe an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz über und liegt seither beim Inhaber des Gutenberg-Lehrstuhls: Auf Hans Widmann folgten Hans-Joachim Koppitz und Stephan Füssel, der das Jahrbuch rund drei Jahrzehnte bis 2022 verantwortete. Seit 2023 gibt ein Team um Gerhard Lauer das Jahrbuch heraus, derzeit gemeinsam mit Philip Ajouri und Nikolaus Weichselbaumer. Herstellung und Vertrieb übertrug die Gesellschaft 2005/06 dem Harrassowitz Verlag in Wiesbaden, bei dem das Jahrbuch von 2006 bis 2025 erschien; die Redaktion blieb in Mainz.
Auch drucktechnisch war das Jahrbuch früh offen für Neues: Der Jahrgang 1969 war die erste Publikation der Gesellschaft, die im Fotosatz hergestellt wurde. 1972 machte ein Vertrag mit Kraus Reprint vergriffene Jahrgänge wieder zugänglich – ein früher Schritt in die Richtung, die das Jahrbuch nun im Digitalen weitergeht.
Parallel zum Wechsel zu heiUP digitalisiert die Johannes Gutenberg-Universität Mainz in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt alle seit 1926 erschienenen Jahrgänge und macht sie im Volltext durchsuchbar. Die Freischaltung der älteren Jahrgänge ist für 2027 vorgesehen. Damit soll ein Jahrhundert Gutenberg-Forschung als offenes Archiv verfügbar werden.
Stadt, Museum und Universität als Träger
Mit dem Gutenberg-Museum ist die Gesellschaft seit 1901 eng verbunden; an ihrer Spitze stand von Beginn an der Mainzer Oberbürgermeister, der bis heute kraft Amtes ihr Präsident ist. Nach der Neugründung der Johannes Gutenberg-Universität rückte 1946 auch die Hochschule in diesen Kreis: Die erste Mitgliederversammlung nach dem Krieg tagte am 23. Juni 1946 in der Aula der neuen Universität, im selben Jahr stiftete die Stadt Mainz dort den Gutenberg-Lehrstuhl für Schrift-, Druck- und Buchwesen. 1948 erhielt der Rektor einen Sitz kraft Amtes im Beirat, am 25. April 1949 wurde Aloys Ruppel als Erster auf den Lehrstuhl berufen – Museumsdirektor, Geschäftsführer der Gesellschaft und Herausgeber des Jahrbuchs in einer Person.
Diese Verflechtung besteht fort: Die Direktion des Gutenberg-Museums gehört dem Vorstand kraft Amtes an, ebenso der Inhaber des Lehrstuhls für Buchwissenschaft, der zugleich das Jahrbuch herausgibt.
Rund 600 Mitglieder in über 30 Ländern
Heute zählt die Internationale Gutenberg-Gesellschaft rund 600 private Mitglieder, Unternehmen, Institutionen und Bibliotheken in über 30 Ländern. Sie erhalten das gedruckte Jahrbuch, haben freien Eintritt ins Gutenberg-Museum und sind zu den Exkursionen und Veranstaltungen der Gesellschaft eingeladen.