Chemisches Recycling kann aus geeigneten Kunststoffabfällen neue Rohstoffe für Kunststoffe in Neuwarequalität gewinnen. Noch stehen jedoch begrenzte Kapazitäten und hohe Kosten einer breiten Nutzung im Weg.(Bild: Innoform Coaching GmbH)
Chemisches Recycling gilt als wichtiger Baustein der Kreislaufwirtschaft. Der 43. Inno-Talk zeigt jedoch, dass die Technologie noch am Anfang steht. Der Bedarf an hochwertigen Rezyklaten steigt, doch Kapazitäten, Wirtschaftlichkeit und klare Regeln bleiben große Herausforderungen.
Chemisches Recycling wird häufig als Lösung für die Kunststoff-Kreislaufwirtschaft bezeichnet. Die Diskussion im 43. Inno-Talk macht jedoch deutlich, dass die Technologie das mechanische Recycling nicht ersetzt, sondern ergänzt. Während mechanisches Recycling für sortenreine Kunststoffströme seit Jahrzehnten etabliert ist, eignet sich chemisches Recycling vor allem für gemischte oder stark verschmutzte Abfälle sowie für Mehrschichtmaterialien und Anwendungen mit hohen Qualitätsanforderungen, etwa im Lebensmittelbereich.
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Die derzeit verfügbaren Kapazitäten werden nach Einschätzung der Experten häufig überschätzt. Nach Angaben von Conversio lag der Anteil des chemischen Recyclings am gesamten Kunststoffrecycling in Deutschland im Jahr 2024 bei lediglich rund 0,4 Prozent. Auch neue Anlagen erhöhen die verfügbaren Mengen zwar, ändern die Gesamtsituation aber vorerst nur wenig.
Technisch hat sich bislang vor allem die Pyrolyse als industriell nutzbares Verfahren etabliert. Dabei werden Kunststoffe in mehreren Schritten zu neuen Rohstoffen verarbeitet, aus denen wieder Kunststoffe in Neuwarequalität entstehen können. Andere Verfahren wie Gasifikation oder Solvolyse spielen bislang nur eine untergeordnete Rolle.
Ein wichtiger Punkt ist außerdem die Effizienz der Prozesse. Entlang der gesamten Prozesskette entstehen Material- und Energieverluste. Dadurch bleibt am Ende deutlich weniger verwertbares Rezyklat übrig als ursprünglich eingesetzt wurde. Das wirkt sich auf die Wirtschaftlichkeit, die CO₂-Bilanz und die Erfüllung regulatorischer Vorgaben aus.
Besonders deutlich wird das beim Blick auf die geplanten Vorgaben der europäischen Verpackungsverordnung PPWR. Bis 2030 wird allein in Deutschland ein Bedarf von rund 157.000 Tonnen Food-Grade-Rezyklat für Nicht-PET-Kunststoffe erwartet. Dem steht nach den vorgestellten Berechnungen ein realistisches Angebot von lediglich rund 77.000 Tonnen gegenüber. Auch europaweit dürfte die Nachfrage das Angebot deutlich übersteigen.
Für Verpackungsentwickler bleibt deshalb ein recyclinggerechtes Design entscheidend. Störstoffe wie PVC, PVdC, Metalle oder Papier können die Recyclingprozesse erschweren und die Ausbeute verringern. Da sich chemisch recycelte Anteile nach der Verarbeitung nicht mehr physisch zurückverfolgen lassen, erfolgt ihre Zuordnung über sogenannte Mass-Balance-Verfahren. Für deren künftige regulatorische Ausgestaltung bestehen im Zusammenhang mit der PPWR allerdings noch offene Fragen.
Auch wirtschaftlich steht die Technologie noch vor Herausforderungen. Chemisch recycelte Kunststoffe sind derzeit teurer als konventionelle Materialien. Regulatorische Vorgaben und finanzielle Anreize könnten die Marktentwicklung künftig unterstützen.
Als Beispiel für den industriellen Fortschritt wurde SABIC genannt. Das Unternehmen betreibt bereits Pilot- und Demonstrationsanlagen und integriert chemisch recycelte Rohstoffe in bestehende Produktionsanlagen. Anwendungen finden sich unter anderem bei Lebensmittelverpackungen, Kosmetikprodukten und Medizinprodukten.
Der Inno-Talk kommt zu dem Schluss, dass chemisches Recycling ein wichtiger Baustein der Kreislaufwirtschaft ist, seine Möglichkeiten derzeit jedoch realistisch bewertet werden müssen. Die größten Herausforderungen liegen im Ausbau der Kapazitäten, der wirtschaftlichen Umsetzung, klaren gesetzlichen Rahmenbedingungen und im Zusammenspiel mit dem mechanischen Recycling.