Lukas Jenner, derzeit Deutschlands vermeintlich einziger Doktorand der Druckweiterverarbeitung. (Bild: Hochschule der Medien)
Lukas Jenner ist vermutlich der einzige Doktorand der Druckweiterverarbeitung in Deutschland und wohl auch der einzige, der an biobasierten Klebstoffen für die Buchbindung forscht. Das lässt normalerweise auf reichlich Branchen-Know-how schließen – doch fachlich gesehen ist Jenner eigentlich Nanowissenschaftler. Noch vor zwei Jahren wusste er gar nicht, was der Begriff Druckweiterverarbeitung überhaupt bedeutet.
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In die Druckweiterverarbeitung „gestolpert“
Dass es ihn einmal in die Druckindustrie verschlagen würde, damit war nun wirklich nicht zu rechnen. Nicht einmal, als er bei der Online-Jobbörse Stepstone auf die Promotionsstelle gestoßen war, in der es um die Entwicklung von Bioklebern ging, sei ihm klar gewesen, wer dahinter stecke und dass er ausgerechnet in einem Druckstudiengang landen würde. Rückblickend schüttelt Lukas Jenner den Kopf und schmunzelt. „Aber etwas Besseres hätte mir fast nicht passieren können!“
Doktorand per Stellenanzeige
Geboren in Schwäbisch Gmünd, aufgewachsen in Schorndorf bei Stuttgart und mit einem passablen Abitur auf dem zweiten Bildungsweg in der Tasche wollte Lukas Jenner es eigentlich seinem Vater gleichtun und in Stuttgart Bauingenieurwesen studieren. „Mein Dad hat Konstruktionspläne erstellt und Häuser konstruiert. Ich war als Kind total von seiner Arbeit und seinem großen Skillset fasziniert.“ Doch der Drang, das Zuhause zu verlassen und selbstständiger zu leben, war größer – und so schrieb sich der begeisterte Naturwissenschaftler im NC-freien Studiengang Nano Sciences an der Eberhard Karls Universität Tübingen ein, in dem sich seine Herzblut-Fächer Chemie, Physik, Mathe und Biologie gewissermaßen bündeln. Anfangs tat er sich noch ziemlich schwer mit dem harten Studium, mit der neuen Art zu lernen. Doch irgendwie bekam Jenner schließlich die Kurve und hängte nach erfolgreichem Bachelorabschluss gleich noch das Masterstudium dran. Mit einem deutlich stärkeren chemischen Fokus ging es in seiner Masterarbeit in Tübingen auch damals schon um Umwelttechnik. Er versuchte, mittels Seltener-Erdmetalle einen Katalysator zu entwickeln, mit dem sich das Polymer Polyisopren für die Autoreifenproduktion umweltfreundlicher und effizienter herstellen lässt. Im selben Fachbereich und aufbauend auf dieser Masterthesis wollte er dann eigentlich auch in Tübingen promovieren – doch daraus wurde nichts. „Die Situation an der Universität war damals kompliziert, deshalb wurde ich dort leider nicht übernommen.“
„Wenn man in der Forschung tätig ist, muss man
schon eine sehr hohe Frusttoleranz mitbringen.“
Womit wir wieder zurück bei Stepstone und der Promotionsstelle an der Hochschule der Medien, betreut durch Studiendekan Prof. Dr. Volker Jansen, wären. „Ich hatte genau das richtige Profil für diese hochinteressante Ausschreibung“, erinnert sich Lukas Jenner, und ergänzt: „Zudem war es dank der Adolf-I.-Döpfert-Stiftung eine 100%-Promotionsstelle; ich bin dabei allerdings parallel zu meiner Forschung verpflichtet, internationale Studenten des Print-Media-Studiengangs in Mathe, Physik und Informatik zu tutorieren. Unter dem Strich konnte ich also in meiner Heimat verbleiben − und das bei einem vollen Gehalt, was in den Naturwissenschaften eher unüblich ist! Und die Promotionszusage an der HdM hatte ich gleich am Tag nach dem Bewerbungsgespräch in der Tasche. Aber klar: In die Druckindustrie bin ich dann doch eher zufällig reingerutscht.“
Der „Schock“ Druckindustrie
Und der „Schock“ war groß: „Ich hatte wirklich gar keine Beziehung zu den Printmedien − und als ich dann an der HdM angefangen habe, habe ich erst so richtig realisiert, in welcher phantastischen und bedeutsamen Branche ich da überhaupt gelandet war! Riesige Maschinen, hochautomatisierte Prozesse und eine unfassbare Produktvielfalt. Ich hatte dann das Glück, dass gleich drei Wochen nach meinem Start als Doktorand die Drupa 2024 in Düsseldorf losging und ich mir dort einen super Überblick verschaffen konnte!“
„Es gibt schon einen guten Grund dafür, warum
Doktoranden immer so lange Kaffeepausen machen:
Brainstorming und kreativer Gedankenaustausch
sind einfach enorm wichtig für den Fortschritt
von Forschungsprojekten.“
Doch nicht nur die Branche war für Lukas Jenner neu, auch für die biobasierte Klebstoffentwicklung musste er sich zunächst so einiges an Basics und Wissen zusätzlich „draufschaufeln“. „Ich habe erst mal vier Monate lang durchgängig Literaturarbeit betrieben. Natürlich kann man auf seinem chemischen Grundwissen aufbauen. Aber für ein so spezielles Thema wie Klebstoffe ist das dann doch nur ,Halbwissen‘, da muss man sich schon tiefer einlesen, um entscheiden zu können: In welche Richtung soll meine Forschung eigentlich gehen? Wie ,funktionieren‘ Klebstoffe in der Buchbindung physikalisch und chemisch betrachtet überhaupt und welche Biosysteme hierfür zu nutzen würde überhaupt Sinn machen?“
Der entscheidende Impuls kam hier aus dem benachbarten Studiengang Verpackungsdruck. „Hier forscht Prof. Dr. Michael Herrenbauer an nachhaltigen Verpackungen und Beschichtungen“, berichtet Lukas Jenner. „Der hat Chemieingenieurwesen studiert und ist vom Verständnis her somit am nächsten dran an dem, was ich hier tue. Für den Ideenaustausch ist er ein idealer Gesprächspartner, der mich schlussendlich auch auf die Idee mit den Braunalgen gebracht hat, da er selbst ja an Alginatfolien forscht − quasi Bio-Plastikfolien für den Verpackungsbereich. Also habe auch ich auf Alginat gesetzt − und gleich in den ersten Versuchen vielversprechende Ergebnisse erzielt! Deutlich besser als gedacht, ein Schlüsselmoment. Seitdem ist der Ball quasi im Spiel …“
In den Semesterferien forschen
Und dieses „Spiel“, sprich die eigentliche Forschung, findet überraschend wenig während der Semester statt. „Da kann ich meine Tests und Auswertungen eigentlich nur vormittags vorantreiben, weil ich nachmittags normalerweise unterrichten muss“, berichtet Lukas Jenner. So richtig los geht‘s dann meist erst in den Semesterferien. „Da kann ich dann Vollgas geben und einen Test nach dem anderen fahren. Das läuft dann im Prinzip in etwa so ab: Am Morgen mische ich die neue Klebstoffvariante zusammen, nachmittags werden dann die Bücher abgebunden und am folgenden Tag wird dann alles vermessen und dokumentiert.“
Lukas Jenner bei der Vorstellung seiner bisherigen Forschungsergebnisse während der 51. internationalen Forschungskonferenz des iarigai, des internationalen Verbands forschender Institute und Hochschulen der Druck- und Medienbranche, im September 2025 in Pardubice (Tschechien). (Bild: Hochschule der Medien (Gunter Hübner))
Wenn man ihn denn messen lässt … Denn manchmal kann es ungewollt auch zu skurrilen Situationen kommen, wie Lukas Jenner augenzwinkernd berichtet: „Letztens wollte ich montags in mein Büro − und es war tatsächlich abgeschlossen! Wie ich dann erfahren habe, war der ganze Fachbereich für eine dreiwöchige ,Tiefenreinigung‘ geschlossen worden, leider samt meiner Unterlagen darin! Und ich wurde nicht vorab informiert.“ Ein Kommunikationsmissverständnis. Doch es wurde nicht unbedingt besser. „Als ich nach drei Wochen zurückgekommen bin, waren dann einige Tage lang die Heizungen und das Internet abgestellt …“
Doch mit solchen ungeplanten „Überraschungen“ kann Jenner umgehen, ebenso wie mit Rückschlägen in seinem Klebstoffprojekt. „Forschungsarbeit hat schon seit jeher viel mit Frust und Frustbewältigung zu tun. Wenn man in der Forschung tätig ist, sollte man schon eine sehr hohe Frusttoleranz mitbringen, sonst wird das nichts. Da habe ich aber irgendwie den Vorteil, dass ich aus der Chemie komme, wo es im Prinzip gang und gäbe ist, dass Dinge nicht sofort so funktionieren, wie man es gerne hätte. Man lernt früh, damit umzugehen. Deshalb falle ich da nur ganz selten in ein Loch. Wichtig ist dabei vor allem, den Frust nicht mit nach Hause zu nehmen. Aber, und das darf man natürlich keinesfalls vergessen: Das Gegenstück zum Frust ist dann die wirklich unbändige Freude, die sich einstellt, wenn ein Projekt aufgeht, eine Klebstoffmischung über außergewöhnliche Eigenschaften verfügt. Das ist einfach unbezahlbar!“
Wissenschaft & Kreativität
Unbezahlbar ist es auch, wenn die eigene Forschung wahrgenommen und gewertschätzt wird. Und das ist bei Lukas Jenner der Fall. Der Jungforscher präsentierte seine bisherigen Forschungsergebnisse jüngst auf Konferenzen der beiden grafischen Verbände TAGA und iarigai in Denver (USA) und in Pardubice (Tschechien). Hier war der Chemiker zwar gern gesehener Gesprächspartner, aber mit seinem Druckweiterverarbeitungsthema immer auch irgendwie ein Exot. Mehr Sparringspartner für einen inhaltlichen Austausch in seinem Forschungsfeld verspricht sich Jenner von der Teilnahme als Gastredner an der internationalen Klebstoff-Konferenz IAA Anfang März 2026 in Guimarães (Portugal). „Mein Vertrag an der Hochschule läuft noch 1,5 Jahre mit der Option auf ein weiteres Jahr. Wenn man so will, ist bei mir jetzt ungefähr Halbzeit. Da kommt die Konferenz, in der es ganz allgemein um Klebstoffe geht, für mich zeitlich zum idealen Zeitpunkt. Die Besucher dort sind tief in der Materie drin, können meine Forschungsergebnisse, die inzwischen schon etwas fortgeschrittener sind, bestens beurteilen. Ich bin total gespannt und
freue mich wahnsinnig auf Input aus dieser Community!“
Von reichlich Trial & Error geprägt: die tagtägliche Suche nach dem stabilsten Bio-Klebstoff für die Bindung von Softcovern. (Bild: Hochschule der Medien)
Jenner hofft auf Austausch, der seine Kreativität weiter anregt. „Wissenschaftler müssen generell sehr kreativ sein“, ist sich der Jungforscher sicher. „Gerade in meinem Feld, das stark von Trial & Error geprägt ist, muss man schon immer wieder tief in die Trickkiste greifen, wenn es um die Entwicklung neuer Formulierungen geht. Und da kann ein fremder Blick von außen sicherlich nicht schaden.“ Kreativ nutzt Lukas im Tagesgeschäft auch Generative KI, „fürs Brainstorming oder einfach um einige Denkanstöße zu bekommen“, wie er sagt. Extrem hilfreich und nützlich für ihn sei aber auch die Unterstützung durch KI beim Programmieren kleinerer Anwendungen in Python.
Ökologisch relevant
Lukas Jenners Forschung verfolgt im Kern das Ziel eines nachhaltigeren Einsatzes von Klebstoffen in der Druckindustrie, seine Formulierungen testet er an der HdM, an der er sich sehr wohl und bestens aufgehoben fühlt, auch an einem Ribler-Klebebinder, der ebenfalls für diesen ökologischen Ansatz steht. Das kommt nicht von ungefähr. „Auch für mich persönlich stehen ökologische Aspekte im Leben ganz weit oben, möglichst nachhaltiges Handeln wird großgeschrieben. Das fängt bei Bioprodukten und fair sowie nachhaltig produzierten Waren an und hört bei einer größtmöglichen Müllvermeidung längst noch nicht auf. Was das betrifft, wurde ich sicherlich nachhaltig von der Stadt Tübingen geprägt, die ja doch schon irgendwie als Deutschlands Öko-Stadt gilt.“
„Einen Bio-Klebstoff für die Buchbindung zu finden, ist im
Hinblick auf die Klebekraft schon die ,Champions League‘
im Forschungsfeld. Bin ich hier erfolgreich, sollten andere
Anwendungen im Printumfeld eigentlich kein Problem sein.“
Und was heißt das letztlich für die Druckindustrie? Was wünscht sich Jenner von der Branche, damit nachhaltige Produkte in der Printproduktion schneller zum Standard werden? „Den Blick nur ein klein wenig weg von der Kosteneffizienz zu nehmen und mehr auf umweltgerechtes Handeln zu richten − das wäre es schon! Mir ist natürlich klar, das geht gerade voll gegen den Trend − ist aber eben auch notwendig! Und das nicht nur in unserer Branche. Würde mein Bioklebstoff jetzt auf den Markt kommen und wäre dann sicherlich drei Eurocent teurer als der Standard, er wäre völlig chancenlos. Echte Nachhaltigkeitsaspekte werden zuletzt immer häufiger zugunsten der Kosteneffizienz geopfert und das Endprodukt dann fadenscheinig mit anderen „Fakten“ grün gewaschen. Da würde ich mir von der Industrie einfach wünschen, dass der Kostenaspekt in den Überlegungen nicht zu sehr überhand nimmt und für echte Nachhaltigkeit etwas mehr in die Tasche gegriffen wird.“
Und wie geht‘s weiter?
Wie sieht Lukas Jenner seine eigene Zukunft, die der Druckindustrie und die seiner Klebstoffe? Gäbe es auch Einsatzbereiche abseits von Print? „Ob dieser Klebstoff über den Druck- und Verpackungsbereich hinaus (unter Anpassungen) verwendet werden könnte, das kann ich hoffentlich nach der Konferenz im März besser einschätzen. Aber für mich auf den ersten Blick denkbar wären schon auch Anwendungen im Bastel-, Fliesen- oder Tapetenkleberbereich.“ Um sich selbst und die Druckindustrie macht sich der Jungforscher keine Sorgen. „Print stirbt auch die nächsten 100 Jahre nicht aus, das hat mir die Drupa letztes Jahr klar aufgezeigt. Es zeigt sich doch immer mehr: Keiner, auch nicht die jungen Leute, wollen Bücher, längere Texte auf Displays lesen. Das ist viel zu anstrengend. Zudem ist am Ende auch immer die Haptik und Optik entscheidend. Print ist einfach viel hochwertiger − und das wird auch in Zukunft so bleiben! Und was mich persönlich betrifft“, so Lukas Jenner abschließend, „so hoffe ich natürlich, dass bei meiner Doktorarbeit ein erfolgreiches, wirklich gutes Produkt herauskommt. Und ich würde mich dann wirklich sehr über eine wertschätzende Anstellung freuen, bei der ich bestenfalls im Bereich Klebstoffentwicklung bleiben könnte − idealerweise hier im Großraum Stuttgart.“
LUKAS JENNER
verfügt über einen Abschluss Master of Nano Science der Universität Tübingen und ist derzeit Doktorand der Druckweiterverarbeitung und akademischer Mitarbeiter an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart. Dort forscht er zu biobasierten, biologisch abbaubaren Klebstoffen auf der Basis von Alginat aus Braunalgen für Anwendungen in der Druckindustrie.
Das Porträt von Lukas Jenner gehört zu einer Reihe von Interviews und Geschichten über „Menschen in der Druckindustrie“.
Reportagen über weitere Menschen, deren Herz heftig für Print schlägt, finden Sie in Ausgabe 16/2025 von Deutscher Drucker. Die gesamte Ausgabe steht im print.de-Shop zur Verfügung.