Insider-Kolumne von Dr. Anne König aus DD 24/2018

Digitalisierung? Transformation? Disruption? Geht’s auch einfacher?

(Bild: Moritz Rennecke)

Die Begriffe, die das Thema „Digitale Transformation“ umschwirren, hören sich ziemlich gleich an, folgen aber verschiedenen Denkansätzen. Damit man im Unternehmen diese Schlagworte mit Leben füllen kann, schlage ich vor, die Begriffe glasklar voneinander zu trennen – und pro Schlagwort zumindest ein Projekt im Unternehmen aufzusetzen. Gerne unterteilt nach einem kurz-, einem mittel- und einem langfristigen Projekt.

Projekt Digitalisierung: Digitalisierung meint, vorhandene Prozesse mit aktuellen digitalen Werkzeugen zu optimieren. Das kann etwas Einfaches sein, z.B. die analoge Plantafel per vernetzter Kamera an Arbeitsstationen aufrufbar zu machen.

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Projekt Digitale Transformation: Digitale Transformation meint, Prozesse konsequent vom Kunden aus zu denken und dann zu verändern. Die derzeit beste Methode, eine digitale Transformation zu erdenken, ist die des „Design Thinking“. Dessen ersten zwei (von sechs) Aktivitäten bestehen aus „verstehen“ und „beobachten“ –und zwar aus Kundensicht! Warum kauft ein Kunde bei ihnen ein? Was sind die Auslöser? Wer ist dabei, wenn er das tut? Für dieses transfor-mative Denken muss man raus zum Kunden. Eine guter Anlass, ihn wieder zu besuchen, nicht um was zu verkaufen, sondern um zu lernen und aus Kundensicht zu digitalisieren. Und doch um mehr zu verkaufen, weil es auf andere Kunden übertragbar ist.

Projekt Disruption: Der Begriff entstammt dem Englischen „to disrupt“, also unterbrechen, stören. Im Managementjargon steht er für „kreatives Zerstören“ durch sogenannte Start-Ups: mit viel Investorenkapital ausgestattete dynamische Firmen, die etablierte mit ihrem völlig neuen Geschäftsansatz herausfordern. Aber unsere Branche muss nicht auf Störer von außen warten, um sich zu bewegen.

Mit dem Entstehen des Sammelformdrucks haben wir in Deutschland erlebt, dass Unternehmen unserer Branche Veränderungen früh erkannt und mit vorangetrieben haben. Und jetzt klopfen ausländische Firmen bei unseren Onlinern an, um Knowhow zu erhalten oder sich einkaufen zu dürfen. Ihr Projekt „Disruption“ beinhaltet die Zerstörung eigener eingefahrener Wege. Das erste, was mir einfällt, ist das Zerstören der Angebotskalkulation. Es darf nicht sein, dass vier Kalkulatoren mit einer Angebotserfolgsquote unter 30%und veralteter MIS nötig sind, um zwei Maschinen im Dreischichtbetrieb zu rechnen.

Hier ist neues, radikales Denken gefragt. Vielleicht ändert man das Geschäftsmodell hin zur Werbeagentur, die um Kundenbudgets pitcht und bewirbt sich mit einem innovativen Konzept. Und dann kalkuliert man Projekte, nicht Produkte. Oder man vereinbart Maschinenauslastungsvolumnia mit seinen Veredlern und klare Kalkulationsdaten. Oder man versucht, statt der Verfahrenskalkulation 80% über Einzelprodukte aus hinterlegten Preislisten abzubilden (natürlich unter Berücksichtigung korrekt ermittelter Stundensätze) und nur den Rest rechnet man „von Hand“.

Das, was richtig nervt, da muss man ran. Bevor es andere tun.

-> Ihre Meinung? insider@print.de

Kommentar zu diesem Artikel

  1. es wäre schön, wenn es eine Datenbank oder Sammlung von “cases” (Anwendungsbeispielen) zur digitalen Transformation (wie sie in vielen anderen Branchen gibt) gäbe – egal wie groß oder klein das Projekt war. Kennt die jemand?
    Es ist aber auch verständlich, dass erfolgreiche “Digitalisatoren” nicht jedem zeigen wollen, was konkret zum Erfolg geführt hat.
    Also Ärmel hochkrempeln und selber den ersten Schritt machen …

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