Interview mit Georg zu Nedden und Sebastian Teich zu Green-Compounding
Westland: „Nachhaltigkeit geht nicht per Verordnung“
von Redaktion,
Georg zur Nedden (l.) und Sebastian Teich (r.).
Westland Gummiwerke hat den Begriff Green-Compounding geprägt – und setzt damit ein klares Zeichen in einer Branche, die mitten in der Transformation steckt. Im Gespräch mit Grafische Palette erläutern Georg zur Nedden (Geschäftsführung), Sebastian Teich (Entwicklung) und Martin Drescher (Marketing), was dahintersteckt, welche Rohstoffe schon heute eine Alternative bieten – und welche Herausforderungen Regulierung für die Branche mit sich bringt.
Grafische Palette: Welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit für die strategische Ausrichtung von Westland?
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Georg zur Nedden: Wir müssen uns als Industrie drei Megatrends stellen – Dekarbonisierung, (De-) Globalisierung und Demografie. Alle erfordern konsequentes Handeln. Wir haben daher schon vor Jahren mit Energiemanagement begonnen, sind auf Grünstrom umgestiegen und prüfen Lösungen zur eigenerzeugten Energie. Unsere Branche ist energieintensiv – das Thema hat also automatisch auch eine wirtschaftliche Komponente. Zweitens geht es um die Produkte: Zykluswirtschaft, Recycling und effizienter Ressourceneinsatz beschäftigen uns seit Jahren. In der Gummibranche ist die Materialausnutzung vergleichsweise gering. Es gibt in den Fertigungsprozessen viel Verschnitt, ähnlich wie beim Waffelbacken: Was beim Füllen überläuft, lässt sich zunächst nicht wiederverwenden. Daher braucht es eine hohe Quote in der Produktion. Kurzum: Nachhaltigkeit ist wichtig und langfristig notwendig – nicht unbedingt eine Frage von Schlagzahl und Verboten, sondern von kontinuierlicher Arbeit.
Green-Compounding in der Praxis: Walzengummierungen, Elastomer-Formteile und Sleeves aus nachhaltig optimierten Gummimischungen.
Grafische Palette: Was genau versteht man unter dem Begriff „Green-Compounding“ – und wie definiert Westland diesen Ansatz?
Sebastian Teich: Green-Compounding ist eine Wortneuschöpfung auf Basis des in der Gummibranche etablierten Compoundings. Dabei werden Polymere, Füllstoffe, Weichmacher und weitere Chemikalien so abgestimmt, dass sie dem jeweiligen Einsatzzweck optimal dienen. Ziel ist es, klassische Rezepturen schrittweise durch nachhaltigere Rohstoffe zu ergänzen und ihre CO₂-Bilanz zu verbessern. Gleichzeitig umfasst der Ansatz auch effizientere Prozesse, weniger Ausschuss, langlebigere Produkte und eine stärkere Wiederverwendung von Materialien.
Georg zur Nedden: Der CO₂-Footprint hat aus Kundensicht einen hohen Stellenwert, auch wenn einzelne Komponenten wie Walzen in großen Maschinen bislang selten als möglicher Hebel für mehr Nachhaltigkeit betrachtet werden. Während Metallteile einer Druckmaschine durch Einschmelzen gut recycelbar sind, ist Gummi nach der Vulkanisation meist nur eingeschränkt wiederverwertbar. Viele Eigenschaften der Walzenmischungen beruhen auf Ruß aus Öl oder Gas – mit entsprechend hohem CO₂-Fußabdruck. Deshalb rückt die Suche nach geeigneten Alternativen zunehmend in den Fokus – auch wenn das Bewusstsein dafür bei vielen Kunden derzeit noch erst entsteht.
Grafische Palette: Wie wurde Green-Compounding auf den letzten Messen aufgenommen?
Martin Drescher: Wir haben versucht, die Grundlagen von Green-Compounding mit einem einfachen Schaubild verständlich zu erklären. Dabei wurde gezeigt, welche Materialien ersetzt werden und wie sich die Rezepturen verändern. Unser Eindruck war, dass die Besucher der Präsentation sowohl den Begriff als auch das Konzept des Green-Compounding gut nachvollziehen konnten.
Anhand des Kreisschemas erläuterte Westland den Begriff „Green-Compounding“ auf den letzten Messen.
Grafische Palette: Welche Möglichkeiten gibt es heute schon für Gummimischungen aus nachwachsenden oder recycelten Rohstoffen?
Sebastian Teich: Rund 90 Prozent einer Gummimischung entfallen auf Polymer, Ruß und Weichmacher – hier liegt ein großer Hebel für CO₂-Reduktion.
Für technische Anwendungen spielen vor allem Synthesekautschuke eine Rolle. Nachhaltige Alternativen entstehen etwa durch pflanzliche Rohstoffe oder durch Kreislaufprozesse, bei denen Abfallstoffe wie Talg oder Speiseöl zu nachhaltigem Naphtha für die Polymersynthese aufbereitet werden. Auch bei Füllstoffen gibt es Fortschritte, etwa durch zurückgewonnenen Ruß aus Altreifen oder Silica aus Reisschalenasche mit vergleichbarer Performance zu synthetischen Materialien.
Grafische Palette: Woher stammen Ihre Rohstoffe, und welche Herausforderungen bringt der steigende Regulierungsdruck?
Georg zur Nedden: Die Kautschukindustrie ist Teil der Petrochemie, stark vom Rohstoff Öl abhängig und entsprechend energieintensiv. Deutschland zählt in der Kautschuktechnologie weltweit zu den führenden Standorten, steht jedoch unter wachsendem regulatorischem Druck, etwa durch die EU-Entwaldungsrichtlinie. Solche Vorgaben können Lieferketten beeinflussen und im Extremfall sogar die Verfügbarkeit von Naturkautschuk gefährden. Recycling gilt daher als pragmatischer Ansatz zur besseren Ressourcennutzung, auch wenn nicht alle Produkte wiederverwertet werden können. Insgesamt befindet sich die Branche in einer Transformation, die Zeit und Investitionen erfordert.
Sebastian Teich: In Europa gibt es eine aktive und innovative Gummiindustrie sowie leistungsfähige Rohstoffhersteller. Viele große Unternehmen sind weiterhin hier ansässig. Deshalb sind wir nicht zwingend auf Lösungen außerhalb der EU angewiesen. Einen großen Teil der benötigten Materialien können wir in Europa in hoher Qualität beziehen.
Grafische Palette: Wie reagieren Kunden auf Westlands Nachhaltigkeitsstrategie, und gibt es Bedenken hinsichtlich Qualität oder Langlebigkeit?
Sebastian Teich: Bedenken hinsichtlich Qualität und Langlebigkeit bestehen bei diesen Ansätzen nicht. Im Compounding stellen wir gezielt die gleichen Materialeigenschaften ein. In manchen Fällen ist das Basispolymer sogar 1:1 identisch mit Varianten aus petrochemischer Herstellung. In einigen Bereichen ist der Weg zu grünen Lösungen jedoch noch länger. Entscheidend bleibt, die Produktqualität hochzuhalten, denn langlebige Produkte sparen CO₂.
Georg zur Nedden: Bei Walzen für die Druckindustrie sehe ich perspektivisch die geringsten Herausforderungen. In Anwendungen mit Zertifizierungspflicht, etwa in der Gas- oder Wassertechnik, sind zusätzliche unabhängige Prüfungen erforderlich. Das stellt eine höhere Hürde dar. Wenn eine Lösung beim Kunden funktioniert, bestehen jedoch oft große gemeinsame Gestaltungsspielräume.
Grafische Palette: Westland befindet sich in einem umfassenden Transformationsprozess. Wie ist das Unternehmen für die Zukunft aufgestellt?
Georg zur Nedden: Die drei zentralen Schlagwörter der Transformation – Deglobalisierung, Demografie und Dekarbonisierung – wurden bereits zu Beginn genannt. Deglobalisierung bedeutet für international aufgestellte Unternehmen vor allem die Frage, welche Prozesse künftig an welchen Standorten sinnvoll umgesetzt werden können. Gleichzeitig verschärft der demografische Wandel den Fachkräftemangel in Deutschland und beeinflusst damit, welche Produkte und Prozesse hier künftig realisierbar bleiben. Besonders prägend ist jedoch die Dekarbonisierung, die durch umfangreiche Regulierung und Bürokratie zusätzliche Herausforderungen für Unternehmen schafft. Entscheidend für Investitionen und Standortentscheidungen sind daher verlässliche Rahmenbedingungen, Planungssicherheit und wettbewerbs-fähige Energie- und Lieferstrukturen.
Sebastian Teich: Das Unternehmen gummiert Walzenkörper mit Gummi und Kunststoff und stellt die benötigten Mischungen selbst her. In den vergangenen Jahren wurde gezielt in Labor, Innenmischer und Prüftechnik investiert. Dadurch können Rezepturen intern entwickelt, getestet und weiterentwickelt werden, ohne auf externe Compoundeure angewiesen zu sein. Diese eigene Entwicklungsbasis erweist sich gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten als Vorteil.