Insider-Kolumne von Michael Dömer aus DD 20/2018

Wer wegen Personalmangel persönliches Fehlverhalten hinnimmt, demotiviert seine Leistungsträger

Haben Sie in jüngster Zeit versucht, einen Handwerker oder auch Dienstleister kurzfristig zu ins Haus zu bekommen – oder gar, mit ihm über seinen Angebotspreis zu verhandeln? Haben Sie den Unterschied zwischen der Ausgangslage des Handwerkers und der Situation Ihres Unternehmens bemerkt?

Eine rhetorische Frage. Die Druckindustrie wird vom Preiskampf bestimmt, von stark steigenden und nicht mehr verhandelbaren Papierpreisen, von sinkender Nachfrage, die auch strukturell durch die Digitalisierung bedingt ist und durch die Papierpreisentwicklung gerade massiv beschleunigt wird. Und nun wächst ein weiteres Problem exponentiell: Personalmangel. Den haben andere Branchen auch. Die leisten es sich aber, angesichts voller Auftragsbücher „Nein“ zu sagen oder die Preise erfolgreich zu erhöhen. Auch und besonders Hilfskräfte werden von anderen Industriezweigen mit Löhnen abgeworben, die für die Druckindustrie aufgrund des Margendrucks nicht darstellbar sind. Selbst Fachkräfte lassen sich zum Teil in andere Branchen abwerben, weil der Lohnunterschied groß ist. Das ist zwar meist kurz gesprungen, aber der Schaden ist erst einmal angerichtet.

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Bei Fachkräften kommt bekanntlich hinzu, dass die Branche zu wenig ausgebildet hat und zudem vom potentiellen Nachwuchs oft irrtümlich als „old economy“ und damit für zu wenig attraktiv gehalten wird. Suchen Sie zum Beispiel mal einen Leiter Weiterverarbeitung – da hilft auch überdurchschnittliche Bezahlung wenig. Unternehmen haben zunehmend auch im Bereich Wartung und Instandhaltung Probleme, Elektriker oder Mechaniker zu halten oder zu finden. In anderen Branchen werden für sie Spitzenlöhne bezahlt, oft ohne Schichtarbeit und Bereitschaftsdienst. Selbst 450-Euro-Kräfte werden dort rar, wo große Logistik- oder andere personalintensive Unternehmen in der Nachbarschaft angesiedelt sind. Geringfügig Beschäftigte lehnen sogar das Angebot ab, in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen zu werden. Man möchte nicht steuerpflichtig und unflexibel werden.

Die Einstellung zu Beruf und Freizeit hat sich geändert. In den Druckereien ergeben sich dadurch auch zunehmende Führungsprobleme. Mangelhafte Leistung oder persönliches Fehlverhalten wird nicht selten mit der Faust in der Tasche hingenommen. Nach dem Motto: Besser den als keinen … Das wiederum führt zur Demotivation der Leistungsträger und zu schleichendem Kulturverfall, da oft Dreistigkeit triumphiert. Ich kann nur dringend empfehlen, lieber „irgendwie“ mit einer Vakanz fertig zu werden, als Führung und Konsequenz aufzugeben. Allgemeingültige Rezepte gibt es nicht, da es sich um ein mehrschichtiges Marktproblem der Branche handelt, das auch durch externe Effekte begründet ist. Soweit die Situation. Gibt es Lösungen?

Manches Rezept bleibt Theorie. Aber statt nur zu klagen sollte der Situation offensiv begegnet werden. Geld ist für Mitarbeiter ein wichtiges Thema, das ist unstrittig. Und auch wenn Kostenmanagement wichtig bleibt, sollte jeder Lohn überprüft werden, ob er noch zur Leistung des einzelnen und zur Marktsituation passt. Das gilt auch für Hilfskräfte, die oft in besonderer Weise zur Qualität beitragen und nicht beliebig austauschbar sind. Generelle Erhöhungen aber sind meist kontraproduktiv und verpuffen. Aber auch fehlende Wertschätzung, Ungerechtigkeit durch mangelnde Differenzierung der Leistung, schlechtes Image des Unternehmen in der Region oder eine problematisch Kommunikationskultur können entscheidende Kriterien dafür sein, ob ein Mitarbeiter bleibt oder ein neuer sich entscheidet zu kommen.

Es lohnt, sich offensiv und qualifiziert personalpolitisch zu engagieren. Auf Einzelfälle nur zu reagieren, macht erpressbar. Der hohe Kostendruck und fehlende Zeit haben dazu geführt, dass sich das Management nicht ausreichend um die „Kultur“ im Unternehmen gekümmert hat. Die Qualifizierung der mittleren Führungsebene wird noch wichtiger. Die Glaubwürdigkeit von Chef und Führungskräften ist für Mitarbeiter sehr wichtig. Ebenso die Wertschätzung durch Beachtung. Wer daraus ein erlebbares Programm macht, der zeigt, dass die Aussage „Der Mitarbeiter steht im Mittelpunkt“ wieder Bedeutung hat. Wer Leistungsträger verliert, der begreift: Das ist keine Floskel!

Ihre Meinung? insider@print.de

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Nach 10 Jahren in der Druckindustrie, geführt von Unternehmersöhnchen die ihr BWL Studium durch die Einnahmen der Druckerei des Vaters bezahlt bekamen, habe ich in der Produktion das Handtuch geworfen.
    Wenn man ohne Unterlass nur Klagen der Geschäftsführungen hört über sinkende Preis, selber aber auch keine neuen Wege beschreiten will mit neuen Ideen, sind die Unternehmen selber Schuld wenn sie den Bach runter gehen und kein Personal mehr haben. Qualität spielt heute keine Rolle mehr (auch wenn es auf jeder Firmenhomepage hoch gelobt wird), Mitarbeiter Schulungen gibt es keine, Führung wird aus den größten Speichelleckern generiert. Gut ist wer seine 12 Stunden Schichten inklusive Wochenenden buckelt bei immer schlechterem Lohn, keinen Sonderleistungen, immer weniger Personal bei immer höherem Maschinenoutput. Die Druckindustrie benötigt dringend eine Schrumpfungskur und ein paar Leute die neue Ideen und Wege beschreiten. Anstatt noch breitere und schnellere Maschinen vielleicht mal eine Innovation einbauen. Anstatt personal schröpfen vielleicht auch mal junge Menschen so fördern dass diese an der Maschine bleiben wollen. Und auch in der Druckindustrie sollte es möglich sein ein möglichst angenehmes Arbeitsklima zu schaffen was Raum, Licht und Luft betrifft.
    Die Zeiten der alten Männer in den grauen Anzügen ist vorbei und erst wenn hier neue Luft kommt wird es auch Arbeiter geben die wieder gerne in der Druckindustrie arbeiten.

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  2. Sehr geehrter Herr Dömer
    Sie beschreiben die Lage in der Druckindustrie sehr treffend. Als Senior eine Druckerei mit 15 Mitarbeitern kann ich Ihrem Artikel nur beipflichten. Ich würde mich auch gerne dazu äußern. Jedoch auf das Niveau Ihres Kommentators “Ein Drucker” möchte ich mich nicht herablassen. Ich verzichte daher auf ein Kommentar..

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    1. Sehr geehrter Herr Müller, Sie mit 15 Mitarbeitern meine ich dabei nicht. Es geht um die großen hier.
      Und diese Großen machen Sie kaputt. Weil Sie durch ihre Verpflichtungen mit den teuren Maschinen mittlerweile alles drucken, auch zu viel zu billigen Preisen. Hauptsache die Fixkosten werden nich ein kleines Stück bedient. Es tut mir leid wenn, sollten Sie sich hier angesprochen fühlen.

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  3. Ich bin Buchbindermeister und habe 25 Jahre eine Abteilung geleitet.
    Nach der Insolvenz meiner Firma bin ich dann bei einer Firma als Abteilungsleiter angefangen auf dem der Bericht des Herrn Dömer wunderbar passt.
    Das Personal ist nicht viel wert die Auszubildenden bekommen nur gut die Hälfte des Tariflohnes die Gesellen und die angelernten Maschinenführer bekommen Arbeitsverträge wo drin steht das bei Anwesenheit ein Euro mehr bezahlt wird.
    Bei Krankheit Urlaub und Feiertagen wird natürlich der Euro nicht bezahlt.
    Wir sind froh das wir überhaubt Personal bekommen und da werden auch Leute durch gezogen die wirklich kein Talent zum Beispiel beim falzen haben.
    Wenn ich darüber nachdenke das der Ecklohn um die 17 Euro liegt denn haben bei uns nur die Leistungsträger die eigentlich eine höhere Lohngruppe verdient hätten mindestens 2 bis 3 Euro mehr.
    Vermögenswirksame Leistung Weihnachts und Urlaubsgeld gibt es natürlich auch nicht.
    Das Druckgewerbe hat früher wirklich Spaß gemacht tolle interessante Maschinen gute Verdienstmöglichkeiten und einen sicheren Arbeitsplatz.
    Es sieht jetzt so aus schneller höher und weiter aber das der Arbeitgeber keine Marge mehr hat kann so auch nicht ganz stimmen es werden immer noch dicke Firmenwagen gefahren und so ein paar Porsche in der Garage gehören auch noch dazu.
    Gibt es noch einen Arbeitgeber der seinen Mitarbeiter zu schätzen weiß?
    Ich wäre sofort bei ihm wenn ich gebraucht würde!

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