Nachgefragt bei Axel Fischer (INGEDE):

Recyclingpapier oder Frischfaserpapier?

Axel Fischer ist bei der Internationalen Forschungsgemeinschaft Deinking-Technik (INGEDE) verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.(Bild: INGEDE)

In den vergangenen Wochen sorgte die Berichterstattung über eine neue Studie zur Umweltfreundlichkeit von Recyclingpapier und Frischfaserpapier auf print.de für reichlich Diskussionen. Im Kern geht es hier um die Frage, ob Recyclingpapier oder Frischfaserpapier umweltfreundlicher ist. Deutscher Drucker hat Axel Fischer, bei der Internationalen Forschungsgemeinschaft Deinking-Technik (INGEDE) verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, zu dem Themenkomplex befragt.

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Herr Fischer, weshalb gab es zu dem Thema, ob Recyclingpapier oder Frischfaserpapier umweltfreundlicher ist, solch ein großes Echo?

Axel Fischer: Auslöser der aktuellen Diskussion war eine Pressemitteilung von Iggesund, also einem skandinavischen Hersteller von Papier und Verpackungen aus Frischfaser. Die Kennzeichnung als Marketingmaßnahme durch eine entsprechende Quellenangabe erfolgte nur dezent. Bei der Wiedergabe auf dem Portal print.de ist das aber unterblieben und hat für entsprechende Irritationen und Verunsicherung gesorgt.

Die jüngst veröffentlichte Studie „Limited climate benefits of global recycling of pulp and paper“ kommt zu dem Ergebnis, dass Recyclingpapier ökologischer sei als Frischfaserpapier. Wie bewerten Sie diese Aussage?

Fischer: Hier muss man deutlich differenzieren. Zum einen haben wir hier eine entsprechende Studie von Wissenschaftlern der Yale University zusammen mit dem University College London, die im Oktober 2020 in Nature Sustainability veröffentlicht* wurde. Eingereicht wurde die Arbeit am 24. Juli 2019, nur wenige Monate, nachdem Holmen eine Studie, die zu ähnlichen Aussagen kommt, veröffentlichte. Diese „Holmen-Studie“ wurde von schwedischen Forschern erarbeitet (IVL Swedish Environmental Research Institute) und vielfach kritisiert, weil beispielsweise weder Wasser noch Abwasser noch der Chemikalienverbrauch berücksichtigt wurden. Auch wenn der zeitliche Zusammenhang auffällig erscheint, habe Iggesund bzw. Holmen mit der „Yale-Studie“ nichts zu tun, wie Iggesund mitteilt. Iggesund habe diese als „interessante Perspektive“ aufgegriffen, sei jedoch an deren Entstehen nicht beteiligt und habe diese auch nicht finanziell unterstützt.
Ein grundsätzliches Problem besteht darin, dass jede Studie zur Klimawirksamkeit eines Produkts oder Prozesses anders ist. Die Ergebnisse variieren breit von Studie zu Studie und hängen insbesondere von den angenommenen Randbedingungen ab. Je nachdem, in welchem Maße beispielsweise Vorprodukte oder Transporte in die Rechnung einbezogen werden. Daraus folgt das grundsätzliche zweite Problem: Die Werte zur Klimawirksamkeit eines Produktes oder Prozesses, hier ausgedrückt in Kilogramm Kohlendioxid pro Tonne Papier, aus verschiedenen Studien mit verschiedenen Annahmen zu vergleichen, ist nicht seriös.

Was spricht denn gegen den Vergleich von Recyclingpapier und Frischfaserpapier?

Fischer: Ein Vergleich von Recyclingpapier und Frischfaser ist hier einfach nicht zielführend. Hier eine Konkurrenz zu sehen oder aus Marketinggründen aufzubauen, ist nur Marketing. Leider. Frischfaser und Papierrecycling haben nebeneinander ihre Berechtigung. Ohne Frischfaser gäbe es kein Recycling, und ohne Recycling nicht genügend frische Fasern, um den Bedarf vor allem für kurzlebige Druckprodukte und Verpackungen zu decken. Die Kreislaufwirtschaft ist ein erklärtes umweltpolitisches Ziel und Konsens. Altpapier als Ressource nicht zu nutzen wäre anachronistisch, Verschwendung. Dass hierzulande die Herstellung von Papier aus Altpapier deutlich weniger Energie und deutlich weniger Wasser benötigt als Frischfaser, zudem Ressourcen bewahrt, steht außer Frage, ist Legitimation für Blaue Engel und weitere Umweltzeichen. Dies mag auch der Hintergrund der Marketingnöte skandinavischer Frischfaserproduzenten sein, die angesichts einer auch pandemiebedingt insgesamt sinkenden Nachfrage nach Papier Marktanteile zu retten versuchen.
In der Iggesund-Pressemitteilung wird die Yale-Studie zunächst zusammengefasst, dann werden im Sinne des Herausgebers nützliche Aussagen hervorgehoben. Auch wenn in der Studie viele weitere Aussagen gemacht werden, die auch andere Aussagen erlauben würden. Dann allerdings kommen über ein Zitat eigene Zahlen ins Spiel, die nichts mit der Studie selbst zu tun haben. Aber: Beim flüchtigen Leser bleibt der Eindruck, auch diese entstammten der Studie.

Sind die Vergleiche also nicht stimmig?

Fischer: Nein, denn hier werden nicht nur Äpfel mit Birnen, sondern Äpfel mit Preiselbeeren verglichen. In der Pressemitteilung heißt es, dass „Iggesund bei der Herstellung von Invercote-Karton 33 kg pro Tonne an direkten CO2-Emissionen verursacht“, verglichen mit einem „führenden europäischen Hersteller von Recyclingfasern (, der) laut seinem eigenen Umweltbericht 294 kg CO2 pro Tonne ausstößt. Noch höher sind die Emissionen bei einigen amerikanischen Papierrecyclern, die mehr als 1.000 kg pro Tonne freisetzen.“ Die Annahmen, unter denen diese Zahlen ermittelt wurden, fehlen – und natürlich streuen die von einzelnen Unternehmen oder Instituten veröffentlichen Werte breit, je nachdem, wer rechnet und mit welchem Modell.

Kann man die Zahlen deshalb einfach beiseite wischen?

Fischer: Nein, aber „direkte“ Emissionen heißt, nur bei der Herstellung, ohne Berücksichtigung von Vorprodukten und Transporten. In Skandinavien also mit Strom aus Wasserkraft und Kernenergie, angesetzt mit CO2-Emission Null. Möchte ich als Kunde dieses Produkt nutzen und für meinen Betrieb in Frankfurt oder Stuttgart bilanzieren, kommt dazu ein erklecklicher Rucksack für knapp 2.000 Kilometer Transport: Mit 111 g CO2-Äquivalenten pro Lkw-Kilometer (Quelle: Umweltbundesamt) sind dies schon 222 kg/t, womit sich der angebliche Umweltvorteil der skandinavischen Frischfaser drastisch relativiert gegenüber einem Recycling in Deutschland, das allerdings wiederum durch einen anderen Strommix in der Rechnung belastet wird. Hier Durchschnittswerte anzunehmen wird wiederum einem Unternehmen nicht gerecht, das seinen Strom umweltfreundlich mit Kraft-Wärme-Kopplung unter Verwendung von Ersatzbrennstoff erzeugt, was in der Ökobilanz gleichzusetzen wäre mit skandinavischem Strom. Das Pingpong-Spiel ließe sich beliebig fortsetzen, jede Annahme variieren, der eine oder andere Parameter auch entsprechend dem gewünschten Ergebnis berücksichtigen oder vernachlässigen.

Dass Studien teilweise von Interessen geleitet sind, ist ja nichts Neues. Dass sich Firmen zu ihrer Interpretation entsprechende Aspekte rauspicken, auch nicht. Das erleben wir ja auch auf vielen anderen Ökologie-Feldern. Nehmen wir nur die Frage, ab welcher Kilometerleistung E-Autos umweltfreundlicher sind als Verbrenner.

Fischer: Es kommt immer auf die Bedingungen an. Die Yale-Studie modelliert insgesamt 27 verschiedene Szenarien. Die plakativ zitierte Kernaussage leitet sich jedoch lediglich aus einem Szenario ab, das von einer radikalen Änderung der Materialströme (maximale Recyclingrate und verringerte Frischfaserproduktion) unter Beibehaltung der aktuellen Energienutzung und Deponierung ausgeht. Nur, warum sollte sich bei einem bis 2050 gerechneten Szenario nicht auch der Energiemix ändern? Das wird sogar in der Studie als Weg genannt? Die Studie unterstellt, dass die Frischfaserproduktion ihre Energie überwiegend durch die Verbrennung von sogenannter Schwarzlauge (black liquor), die aus Nebenprodukten des Holzaufschlusses stammt, gewinne. Diese wird als biogener Abfall und damit als klimaneutral gewertet. Die Recyclingpapierherstellung hingegen greife überwiegend auf klimaschädliche fossile Energieträger zurück. Doch was ist mit Frischfaser, für deren Herstellung nicht die Schwarzlauge genutzt wird, und Recyclern, die nicht den statistischen Strommix bestellen, siehe das oben beschriebene Pingpong? Nicht herausgestellte Teile der Yale-Studie skizzieren sogar Bedingungen, unter denen die Papierindustrie als Ganzes netto zu einer Senkung des Treibhausgaspotenzials bis 2050 gerechnet werden kann. Alles eine Frage der Annahmen, der Perspektive.

Eine der Bedingungen besteht auch darin, ob die Nutzung von Holz überhaupt ökologisch ist. Daran gibt es ja auch Zweifel und dies, obwohl wir der nachhaltigen Forstwirtschaft einen nachwachsenden Rohstoff und viele weitere positive Effekte verdanken.

Fischer: Papier ist nicht umweltschädlich, weil es, wie Sie sagen, aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen wird. Der Waldbestand in Europa nimmt zu. Alles richtig. Vor allem: Bedrucktes Papier hat sich unter vielen Bedingungen in vielen Studien als nachhaltiger erwiesen als die digitale Information via Internet, aus der Cloud, die angesichts stromfressender Serverplantagen, die rund um die Uhr Informationen bearbeiten, speichern und bereitstellen, geradezu eine CO2-Wolke darstellt. Es ist deshalb wenig sinnvoll, generell auf Papier verzichten zu wollen, nur um Bäume zu schützen. Aber der weltweite Druck auf den Wald lässt sich natürlich durch Papierrecycling reduzieren. Und wer dann Papier aus Frischfaser klimatechnisch gegenüber dem Recycling hervorhebt, muss sich die Frage gefallen lassen: Was ist mit den Bäumen? Diese dürfen dann vielleicht doch nicht so einfach als unendlich verfügbarer Rohstoff einfach mit „Null“ in die Bilanz eingehen? In einer ausführlichen Stellungnahme weist beispielsweise Robin Wood auf die ökologischen Probleme bei der intensiven Waldnutzung hin, auch auf die qualitativen Änderung und Schäden durch Kahlschläge, Methanfreisetzung und anschließende Holzplantagen – auch wenn hier für die Statistik die Anzahl der Bäume gleich bleibt.
Ökologie ist schließlich mehr als nur Kohlendioxid. Ökologie ist auch Wasserverbrauch, Abwasserbelastung, Transport, Flächenverbrauch, Diversität. Frischfaser ist nicht überall erforderlich – manchmal wegen der physikalischen oder optischen Eigenschaften. Aber öfter als man denkt kann auch das umweltfreundlichere Recyclingpapier eingesetzt werden. Viele Studien, die den Prozess ganzheitlich durchleuchten, haben dies gezeigt. Deshalb ist die Kreislaufwirtschaft europäisches Programm. Wohin auch sonst mit dem Altpapier? Und woher sollte das ganze Holz kommen, wenn wir weniger recyceln würden? Schon jetzt gibt es kein „Abfallholz“ mehr, britische Kraftwerke verbrennen Holzpellets aus den USA, ein abgeholzter Naturpark in Estland stellt die Klimafreundlichkeit der Holzfeuerung in Frage. Auch hier setzt sich die Erkenntnis durch: Holz so intensiv zu nutzen, ist gerade nicht klimaneutral.

Ihr Fazit?

Fischer: Wer Recyclingpapier richtig einsetzt, entlastet die Umwelt. Und wer Papier aus Frischfaser an der richtigen Stelle nutzt, schadet der Umwelt auch nicht. Nur wer beide aus Marketinggründen gegeneinander ausspielt, belastet das Klima.


Das Interview mit Axel Fischer erschien in Deutscher Drucker 2/2021. Das ganze Heft lässt sich bequem im print.de-Shop als Printversion oder zum Download erwerben.

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Danke für diese ausgewogene, sachliche und zutreffende Analyse.

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  2. Klares sach- und fachlich nachvollziehbares Statement. Danke.

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  3. Eine sehr spannende und tiefgründige Analyse!

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