KI-Agenten versprechen, Aufgaben eigenständig zu erledigen – von der Marktanalyse bis zur Produktionsplanung. Steve Metcalf, Tech-Unternehmer und KI-Stratege, erklärte auf dem von eProductivity Software (ePS) und CAI Software veranstalteten Druckkongress Connect 2026 in Las Vegas, warum gerade die Druckindustrie davon profitieren kann.
Was die meisten Menschen bisher unter Künstlicher Intelligenz verstanden haben, war im Wesentlichen ein Frage-Antwort-Spiel: Man tippte einen Prompt in ChatGPT, bekam eine Antwort und machte selbst weiter. Nützlich, aber begrenzt. 2026 verschiebt sich der Rahmen grundsätzlich. „Mit Agenten gibt man keinen Prompt mehr ein – man gibt einen Auftrag“, sagt Steve Metcalf, Gründer der Konferenzplattform Imagine AI Live und der Agentur-Plattform Ad Legends, in seiner Keynote auf der Connect 2026. „Und man bekommt kein Textfragment zurück, sondern ein Ergebnis.“
Von der Antwortmaschine zum digitalen Kollegen
Der Unterschied zwischen einem Chatbot und einem KI-Agenten ist vergleichbar mit dem zwischen einem Nachschlagewerk und einem Mitarbeiter. Ein Chatbot beantwortet Fragen. Ein Agent übernimmt Aufgaben: Er recherchiert, plant, erstellt Inhalte, prüft Ergebnisse und liefert ein fertiges Arbeitsergebnis ab. Technisch möglich wird das durch eine neue Generation von Sprachmodellen, die nicht nur Texte generieren, sondern eigenständig Werkzeuge aufrufen, Teilaufgaben an Unter-Agenten delegieren und mehrstufige Arbeitsprozesse durchlaufen können.
Die großen KI-Anbieter haben in den vergangenen Monaten genau dafür ihre leistungsfähigsten Modelle und Frameworks veröffentlicht: Anthropic mit Claude Opus 4.6 und dem Claude-Code-Agenten, OpenAI mit der Codex-App und GPT-5, Google mit Gemini 3.0 Pro. Die Einstiegshürde ist dabei drastisch gesunken. „Man muss kein Programmierer sein“, betont Metcalf. „Wenn Sie eine komplexe Excel-Tabelle bauen oder eine MIS-Software konfigurieren können, dann können Sie auch einen KI-Agenten einrichten.“
Was heißt das konkret für Druckereien?
Metcalf sieht in der Druckindustrie einen besonders fruchtbaren Boden für den Einsatz von KI-Agenten – und zwar aus zwei Gründen: Erstens sei die Branche geprägt von technischer Komplexität mit vielen Prozessschritten, die sich für eine agentengestützte Automatisierung eignen. Zweitens bringe sie Menschen mit, die es gewohnt seien, Probleme pragmatisch zu lösen. „High-Agency-Leute plus KI-Agenten – das ist eine perfekte Kombination“, so Metcalf.
Konkret lassen sich Agenten heute bereits in zahlreichen Bereichen einsetzen, die den Alltag in mittelständischen Druckbetrieben prägen. In der Markt- und Wettbewerbsanalyse können Agenten über Nacht Preis- und Marktdaten sammeln und aufbereitet als Briefing liefern. Im Marketing erstellen sie auf Basis einer kurzen Beschreibung komplette Kampagnen inklusive Texten, Bildern und Social-Media-Posts. In der Produktionsplanung lesen sie Kalender, E-Mails und Auftragsdaten und schlagen optimierte Abläufe vor. Und bei der Bildverarbeitung übernehmen sie Aufgaben wie Skalierung, Preflight-Prüfungen oder die automatische Aufbereitung von Druckdaten.
Entscheidend dabei: Diese Agenten arbeiten nicht nur auf Zuruf. Sie lassen sich so konfigurieren, dass sie zeitgesteuert und eigenständig laufen – rund um die Uhr, ohne Krankheitstage, ohne Urlaubsanspruch. Die Kosten für den Betrieb sind dabei minimal. Metcalf verweist darauf, dass die Inferenzkosten – also die Kosten für die Verarbeitung durch ein KI-Modell – in den letzten Jahren um den Faktor 1.000 gesunken sind: von rund 60.000 Dollar auf etwa 60 Dollar für vergleichbare Aufgaben.
Der Schlüssel: Skills statt Programmierung
Ein zentrales Konzept im Umgang mit KI-Agenten sind sogenannte Skills – strukturierte Anweisungsdateien, die dem Agenten beibringen, wie er eine bestimmte Aufgabe erledigen soll. Metcalf vergleicht das mit der Einarbeitung eines neuen Mitarbeiters: Man beschreibt den Auftrag, definiert Qualitätsstandards, gibt Beispiele und legt fest, welche Werkzeuge zur Verfügung stehen.
In der Praxis sind diese Skills einfache Markdown-Dateien, die Informationen über Markenrichtlinien, Arbeitsabläufe, Datenquellen und gewünschte Ausgabeformate enthalten. Metcalf demonstrierte das am Beispiel einer automatisch erstellten Keynote-Präsentation: Sein Agent kannte durch die hinterlegten Skills seine Markenfarben, Schriftarten und Bildvorgaben, beschaffte eigenständig aktuelle Daten und Porträtfotos, erzeugte QR-Codes und baute daraus eine vollständige PowerPoint-Datei. 90 Prozent der Arbeit erledigte der Agent, Metcalf übernahm nur die finale Qualitätskontrolle.
Das Prinzip lässt sich auf beliebige Aufgaben übertragen. Das gesammelte Erfahrungswissen langjähriger Mitarbeiter – das berüchtigte Tribal Knowledge, das in vielen Betrieben in den Köpfen Einzelner steckt – kann in solchen Skill-Dateien dokumentiert und damit für Agenten nutzbar gemacht werden. Und je häufiger ein Agent eine Aufgabe ausführt, desto besser wird er darin.
Mensch plus Agent: Das neue Organigramm
Metcalf macht keinen Hehl daraus, dass KI-Agenten die Arbeitswelt verändern werden. Nvidia-CEO Jensen Huang prognostiziert, dass IT-Abteilungen künftig zur Personalabteilung digitaler Mitarbeiter werden. Salesforce-Chef Marc Benioff spricht davon, dass Führungskräfte sowohl menschliche als auch digitale Arbeitskräfte managen müssen. Und Anthropic-Gründer Dario Amodei sieht den Zeitpunkt nahen, an dem KI-Modelle die gesamte Arbeit von Software-Ingenieuren übernehmen können.
Für Druckereiunternehmer bedeutet das nicht, dass Menschen überflüssig werden – wohl aber, dass sich die Rolle verändert. Wer heute einen Produktionsplaner beschäftigt, der den ganzen Tag am Rechner sitzt, kann künftig einen Agenten mit dieser Aufgabe betrauen. Der Mitarbeiter wird zum Orchestrator, der den Agenten steuert, die Ergebnisse prüft und sich auf strategischere Aufgaben konzentriert.
„Ihr Wettbewerbsvorteil wird nicht mehr nur davon abhängen, wie gut Ihr Team ist“, fasst Metcalf zusammen. „Sondern davon, wer die besten Mensch-plus-Agent-Teams aufbaut.“ Sein Rat an die Branche: Jetzt anfangen. Einen ersten Agenten einrichten, ihm eine konkrete Aufgabe geben, die Ergebnisse verfeinern. Die Werkzeuge dafür stehen bereit. Was noch fehlt, ist in vielen Betrieben der erste Schritt und dann vor allem auch der nächste Schritt.
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